Natürlich ist Fußball an einem Feiertag (Samstag 10:30) immer auch eine Steilvorlage, der man versucht mit kürbisrotem Kopf hinterherzuasten. Und wenn dann auch noch Reformationstag ist, könnte man meinen: ausgerechnet! Ein Sport, der sich so oft reformiert, aber im Grunde immer zum Schlimmeren. Und nirgendwo scheint ein Reformatooor, der während einer sechsstündigen Ballon d’Or Verleihung oder meinetwegen nur bei der nächsten Verleihung des Peace Prize ein paar steile Thesen an die Tür einer Veranstaltungshalle oder Luxushotels nagelt. Alles kann immer noch absurder werden. Und selbst, wenn irgendwo mal ein vermeintliches Stopp-Schild gesetzt wird, kann man daraus immer noch etwas Vermarktbares machen. Die Bestrafung von Manchester City wird ganz sicher in einer sehr unterhaltsamen Streamingserie gipfeln, die ihren Weg zurück an die Spitze feiert. Es ist sowieso ein erstaunliches Phänomen im Fußball, dass der Zeitgeist fordert, dass es gewisse Vereine gibt, die eine zeitlang jede Häme und jeden Spott verdient haben und zu einem Synonym für das Scheitern an sich werden. Bis man ein neues gemeinsames Mobbingopfer gefunden hat und der geprügelte Verein in Ruhe wieder geläutert und nach genügend Leidenszeit den demütigen Weg zurück nach oben antreten darf. Zurück aus dem Hades, dem Totenreich, wo man aber meistens von den glanzvolleren Namen umgeben ist. In der Oberwelt warten dann doch leider nur Augsburg, Hoffenheim und der VAR. Wie in Dawn of the Dead: „In der Hölle ist kein Platz mehr, hat früher immer mein Großvater erzählt. Schon mal was von Macumba gehört oder Voodoo? Mein Großvater war ein Priester in Trinidad. Er pflegte zu sagen: ‚Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde‘.“ Insofern ist die Party im Reich der Toten meistens doch die bessere. Auch das sollte man bei der Hertha bedenken und diese Zweitligasaison noch ausgiebig genießen. Es wird nie wieder so ein schöner Rausch. Dazu passt, dass sie an Halloween bei den Roten Teufeln klingeln, um ihnen Saures zu geben. Logisch, dass man in Berlin keinen Reformationstag feiert.
Archiv der Kategorie: Spielankündigung
Rilke d’Or Wrapped
Angeblich hat der Herbst auch seine schönen Tage. Ob Samstag 10:30 einer davon angeboten wird, müssen wir uns morgen einmal kritisch angucken. Ansonsten ist es mit den Dingen, die man an diesen Tagen tut, etwas speziell. Die Musik, die man jetzt hört, wird oft nicht mehr groß etwas für das Spotify Wrapped verändern. Schließlich wird aus dem Geschmacksprofil schon demnächst ein launiges Clipgeballer erstellt, was scheinbar eine Menge Ragebait enthält. Der Eindruck entsteht, weil man oft schon längst vergessen hat, was man im Frühjahr oder während der WM gemacht hat. Oder wer in der Zeit irgendwelche Pokale gewonnen hat. Daran müssen sich aber noch die Jurymitglieder erinnern, die Montag den Ballon d’Or vergeben. Aber auch die haben ihr Urteil längst getroffen und können leider nicht mehr berücksichtigen, wenn ihr wie Harry Kane alle Positionen auf einmal auf dem Feld bekleidet. Diese Auszeichnung ist generell ungünstig für Leute, die besonders herausragend im Spätherbst sind. Rilke-Kenner Oliver Kahn kann diesen Unglücklichen nur mit auf den Weg geben: Wer jetzt kein Stadion hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt ohne Ballon d’Or ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Reels createn und wird in Strafräumen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Das klingt doch auch nach einer ganz eigenen Schönheit, die einen vielleicht sogar an einem Samstagvormittag vor die Tür locken kann. Auf dem Weg dahin kann man sich ruhig anhören, ob Fontaines D.C. und ROSALÍA mit Where is gone? wirklich einen Herbstsong gemacht haben, der eigentlich auf ein Lana del Rey Album gehört. „I remember when they held me up against the summertime.“ Spotify wird sich beim Wrapped nicht daran erinnern.
Ronaldo, der Kampf geht weiter!
Die Nominierung des Mittwochs stand in der letzten offiziellen Spielankündigung schon arg auf der Kippe. Aber sie wurde noch offen gelassen und klar, durch gute Leistungen kann er sich natürlich jederzeit empfehlen. Um es mit Julian Nagelsmann zu sagen: er ist immerhin ein Finisher. Während der Samstag (10:30) auch gern nach drei Stunden immer noch vor sich hinspielt, ohne dass das letzte Tor fallen will, schafft der Mittwoch eiskalt Fakten, wenn man nichts mehr sieht, außer den langen Schatten vom Kunstrasenplatz. Jetzt versucht der Mittwoch nun aber doch mit allen Tricks seine Karriere zu verlängern. Wie Jesus (leider nur Jorge Jesus) habe ich dezent probiert, den alten Mittwoch wie Ronaldo aufs Abstellgleis zu schieben. Aber da möchte er nicht bleiben und versucht immer wieder hartnäckig aufzuerstehen wie der echte Messiahs, bzw. wie Ronaldo. Am Kagenmarkt wird sogar das ewige Licht für ihn angeknipst, damit man nicht auf Idee kommt, Mittwochs plötzlich heidnische Kürbisse zu schnitzen oder Plätzchen zu backen. Aber eine Einschränkung kann ich schon einmal machen: am Mittwoch den 23.12. muss ich vielleicht noch gottlose Geschenke basteln oder einkaufen gehen. Der Sonnenuntergang an dem Tag ist allerdings auch bereits 16 Uhr. Das Gute: nach der Wintersonnenwende werden die Tage dann schon wieder länger. Also alles lässt sich verlängern, wenn man lang genug durchhält. Insofern setzen wir fest darauf, dass Ronaldo auch Jesus übersteht (nur Jorge Jesus) wie wir die dunkle Jahreszeit. Was soll man auch anderes machen, wenn man den Moment für das eigene würdevolle Abschiedsspiel verpasst hat? Die nächste Spielankündigung im Gewand einer Durchhalteparole kommt bestimmt. Um es mit einer Band zu sagen, die vor 30 Jahren mit Hip Hop begann, um sich danach immer wieder neu zu erfinden: Bitte ziehen Sie durch!
Hauptsache die Haare liegen
Da Hamm’se doch tatsächlich auch was vom Spiel gezeigt, obwohl die Screentime vom Kloppo schon ziemlich hoch war. Da die Formel1-Experten von RTL beim ersten Klopp-Spiel Dienst hatten, war es schon ein wenig enttäuschend, dass man nicht dauerhaft den Splitscreen aktiviert hat. Der Weißabgleich mit den Zähnen war allerdings auch alles andere als dankbar. Neben den schwarzen Trikots war es fast so, als ob man ohne Spezialbrille in die Sonnenfinsternis gucken musste. Ansonsten unsere Stilkritik: wenn der Bundestrainer noch einmal dieses kultige Käppi trägt, ist er ganz kurz vor Steffen Baumgart und der bekommt inzwischen nicht einmal mehr einen Job bei Hansa. Also Obacht und vielleicht beim nächsten mal doch einen anderen Hut ausprobieren. Bei einem Ted-Lasso-Schirm könnte man noch mehr von den teuer aufgeforsteten Haaren sehen. Da könnte sich Friedrich Merz auch mal ein paar Haarpflege-Tipps holen, deren Effekt man direkt in den Umfragen sehen würde. Der letzte Bundeskanzler, mit einer satisfaktionsfähigen Frisur war schließlich Gerhard Schröder und „schrödern“ ist bis heute ein Synonym dafür, dass man sich dem Alter nicht einfach so ergeben muss. Und das ist doch mal ein Statement an den politischen oder sportlichen Gegner. Sogar ein José Mourinho ist immer noch auf dem ersten Trainermarkt unterwegs. Inzwischen leicht grau wie Schröder, aber weiterhin unbequem für seine Gegner. Also die von der Presse, die sich trauen freche Fragen zu stellen. Falls doch nur sportliches Graubrot passend zum Haupthaar geliefert wird, hat man immer noch den maximalen Entertainment-Faktor, wenn mal wieder ein Journalist weggebissen wird. Im Vergleich zu Donald Trump, über dessen Frisur man kaum etwas kritisches gehört hat, sind aber all diese Alpha-Rüden blutige Anfänger. Also solange nicht Klopp-TV exklusiv die Länderspiele im Splitscreen überträgt, ist noch alles im Grünen Bereich. Der Kopfgrätsche-Screen zeigt auf jeden Fall ein Bild für Samstag 10:30 an. Ob Mittwoch 18:00 Uhr noch etwas zu erkennen sein wird, kann nicht garantiert werden. Falls nicht, könnt ihr demnächst Mittwochs wieder Frisörtermine machen.
Einer von drei Streifen
Also gekocht hat er, der Kloppo. Man hat Ungewöhnliches erwartet und wurde bei der ersten Kadernominierung nicht enttäuscht. Da wurde man mal wieder gefordert und hatte leichte Klinsi-Vibes als er damals Robert Huth, Thomas Hitzlsperger oder David Odonkor aus dem Hut zauberte. Ein paar Buddha-Figuren auf dem Dach hätten eigentlich das Bild abgerundet, aber The Normal One will offensichtlich wieder mehr Volksnähe erreichen. Teilweise kommt er sogar persönlich bei den Vereinen, in den Vereinsheimen und in den Stadien vorbei. Das hatte sein Vorgänger noch als überflüssige Symbolpolitik eingeordnet. Er fand als Millenial das Home Office effektiver für sich. Der „Einer von 83 Millionen“-Stil des neuen Bundesheilands hat dann hoffentlich auch einen ähnlichen Effekt wie die Aktion als die NASA auf die schlechten Einschaltquoten bei den Raketenstarts mit einer neuen Strategie reagierte. Niemand wollte mehr die studierten elitären Fachnerds sehen, weshalb ein Astronautencasting im Volk gestartet wurde, bei dem Homer Simpson und Barney Gumble am Ende übrig blieben. Das Ende ist bekannt: Barney wuchs über sich hinaus, wurde alkoholrückfällig, Homer flog ins All, seine Kartoffelchips führten zur Fastkatastrophe und am Ende gab es eine Parade für einen seelenlosen Stahlbolzen. Das sollte Kloppo bei seinem neuen Weg stets als Warnung im Hinterkopf behalten. Aber immerhin gab es bei der Parade viele Fahnen und von denen möchte er ja einige wieder zurückholen. Dass Adidas nicht schon an Deutschlandfahnen näht, die Kloppos Gesicht statt des Bundesadlers zeigen, ist eigentlich ein Wunder. Der Stunt mit den Käppis war aber vermutlich fast ihr letzter bevor Nike übernimmt. Aber eigentlich wäre es Klopp patriotische Mission, den Deal mit den Amerikanern rückabzuwickeln und uns nicht nur Schwarz, Rot und Gold sondern auch die drei Streifen zurückzuholen. Dann kann er nach dem Bundestrainerjob sogar noch Bundespräsident werden. Ein paar Fußballspiele soll es bis dahin wohl auch geben. Das entnehmt ihr aber bitte der Tagespresse. Ich muss mir schon Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 merken.
Allgemeine Dienst-ist-Dienstpflicht
„Wir sollten mal schleunigst unseren Fokus so hochfahren, dass er auch 90 Minuten hält. Keine Ahnung, woran es liegt, weniger TikTok gucken oder was weiß ich, ist mir eigentlich wurscht, was sie machen.“ ist schon jetzt eins der Fußballzitate der aktuellen Saison. Und aufgrund seiner Baslerhaftigkeit, die Tim Kleindienst in diesem Moment bewiesen hat, wird man ab einem gewissen Alter den Spruch ganz natürlich in das Repertoire der Weisheiten aufnehmen, das man jüngeren Spielern entgegenblafft, während man versucht zu kaschieren, dass man selbst an der Mittellinie stehengeblieben ist, weil die Puste für einen Sprint nach hinten nach einem selbstverschuldeten Ballverlust gefehlt hat. Also eindeutig ein semischarfes Schwert im Generationenkonflikt und ein verzweifelter Versuch den kuscheligen Platz auf dem Affenfelsen noch eine Weile zu verteidigen. Aber natürlich auch Medienkritik und ein weiteres Indiz dafür, dass 90 Minuten Fokus nicht mehr so richtig in die Zeit passen. Als ob es die FIFA geahnt hätte. Selbst TikTok-Nutzer halten 90 Minuten TikTok kaum durch. Schließlich müssen parallel auch noch ein paar WhatsApps beantwortet werden. Super, dass das neue faltbare iPhone Duo endlich auch Multitasking im Splitscreen ermöglicht. Zudem kann man es als Reisewecker oder digitalen Bilderrahmen einsetzen. Das rechtfertigt natürlich mindestens 2000€. Ein Killerfeature hat es dann aber doch für uns dabei. Durch die Faltung kann man es superstabil und ohne Stativ aufstellen, wenn man nach dem Kopfgrätschen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 ein Mannschaftsfoto schießt. Auch von denen, die jede Hydration Break dankbar annehmen, um nicht zu trinken oder rauchen, sondern um ein paar Likes zu verteilen. Das aber leider meist nur virtuell. Beim nächsten mal lohnt es sich vielleicht, dass man auch einmal die Alten in der Mannschaft auf dem Platz lobt. Wofür auch immer. Aber dann werden aus ihnen im besten Fall keine weiteren Baslers.
… and you will know us by the Trail of Dad
Das letzte Kapitel der WM ist nun also auch geschlossen: die Phase, in der die jungen Entdeckungen des Turniers zum Hypetarif zu einem Weltclub wechseln, während die Alten den Rücktritt aus den Nationalteams antreten. Nach hunderten von Länderspielen muss man schließlich auch mal kritisch nachrechnen, ob das vor der Rente mit 63 wirklich noch etwas mit dem WM-Titel wird. Falls nicht, kann man sich ja eventuell mal wieder bei der eigenen Familie ins Gedächtnis rufen. Dabei wird man oftmals überrascht, dass der Erstgeborene inzwischen selbstständig laufen kann und kurz davor ist den ersten Profivertrag zu unterschreiben. Was ganz praktisch ist, weil der dann beim nächsten WM-Zirkus versuchen kann, dem Familiennamen Ehre zu machen. Selten wird aus dem Gedankenspiel Realität, aber dennoch ist wichtig, dass man eine Extrakamera auf den Herrn Papa auf der Ehrentribüne richten kann, der versucht angemessene Gefühlsregungen zu den Feld-Aktionen des Filius zu liefern. Manchmal ist es aber schon herausfordernd genug als Vater einigermaßen nüchtern zu wirken. Frag nach bei Alf-Inge Haaland. Auch Père Thuram, Padre Simeone oder Baba Zidane kennen die Argusaugen auf sich, schließlich denkt jeder ganz romantisch, dass sie in ihrem Garten dem Nachwuchs alle Tricks beigebracht haben. Nach dem Rücktritt von Lionel Messi lohnt es sich natürlich schon mal zu gucken, ob die drei Söhne nicht ein wenig nach dem Vater schlagen. Thiago Messi spielt mit seinen 13 Jahren immerhin schon in der Jugend von Inter Miami und in vier Jahren muss der aktuelle argentinische Nationaltrainer ihn bestimmt in den WM-Kader berufen, wenn er in Ruhe arbeiten möchte. Hier habt ihr es zuerst gehört. Wenn ihr Samstag 10:30 oder Mittwoch 18:00 eure Soccer-Dads mitbringen wollt, könnt ihr das natürlich gerne tun. Sie sollten nur keine allzu großen Erwartungen an die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder haben. Die nächste WM werden wir sehr wahrscheinlich doch wieder nur als Zuschauer erleben.
Zweimal 2. Wahl
Die Bundesliga ist zurück und es fällt schwer zu sagen, welche Saison das eigentlich ist. Natürlich weil das Kicker-Sonderheft seit Jahrzehnten sein Cover eigentlich nicht verändert hat. Und die Bundesliga selbst auch bei Platz eins einfallslos Copy und Paste kultiviert hat. Aber auch sonst gibt einige Spieler-Verein-Kombinationen, die irgendwie nach 2023 klingen. Nkunku bei Leipzig, Diaby in Leverkusen, Füllkrug und Dinkci in Bremen, Skhiri in Köln oder Itakura bei Gladbach – wer oft einst auszog, um in der großen weiten Fußballwelt den nächsten Schritt zu machen, macht inzwischen wieder zwei Schritte zurück und versucht es noch einmal mit der Jugendliebe. Der große Glamour wartet dort nicht, aber immerhin eine warme Mahlzeit am Tag und ein trockener Platz zum Schlafen. Die Ansprüche haben sich rechtzeitig runtergepegelt und auch die aufnehmenden Vereine sind froh eine paar alte Merch-Artikel recyclen zu können. Das kann man auch super als Achievement im Nachhaltigkeitsbericht vermerken. Nur in Dortmund ziert man sich noch den einstigen Rekordtransferspieler Jadon Sancho zum Nulltarif einfach wieder einen Praktikanten-Job als Pförtner oder Hausmeister anzubieten, um ihn dann ausschließlich in nostalgischen Gefühlen zu bezahlen. Es ist auch nicht einfach sich einzugestehen, dass man wie Bernd Begemann schon sang „Zweimal 2. Wahl“ ist. Hier wäre noch Platz für ein unnötiges Wortspiel über einen unnötigen Wal auf den Schwedenlauf-Trikots. „Kein Oscar für die beste Nebenrolle, wir sind nicht einmal nominiert. Ich bin nicht das was du dir aussuchst, ich bin das was dir passiert. Keine rauschenden Feste für uns, keine Tabletts voller Kokain. Das ist nicht so unsere Welt, das ist mehr so die Welt von ihr und ihm. Oh ja, die beiden feiern in diesem Augenblick, sie singen und tanzen am anderen Ende der Stadt. Währenddessen sitze ich hier mit dir unter dieser Stehlampe und man lernt zu schätzen was man an einander hat.“ Auch wir haben diese Woche wieder ein Angebot für zweimal 2. Wahl am Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Lass uns gemeinsame Hobbys entwickeln, man kann so wundervoll Sportschau gucken mit dir.
The Dorfanger Games
Erste Runde DFB-Pokal ist irgendwie wie eine Landtagswahl im Osten, oder? Journalisten aus durchgentrifizierten Städten schlagen den Diercke-Weltatlas auf und suchen mit dem Finger nach eigenartig klingenden Orten ohne Wikipedia-Eintrag. Die Anreise dahin muss dem angeschlossenen Funkhaus auf jeden Fall als Roadtrip verkauft werden. Vor allem weil man dorthin nicht mit dem Deutschlandticket reisen kann. Sogar der Range Rover könnte auf den asphaltierten Feldwegen seine liebe Mühe haben. Aber mit der Jack-Wolfskin-Jacke und einer Cargo-Hose sollte man das Abendteuer wagen können. Ob das Navi einen wirklich zum richtigen Krieschow, St. Tönis oder Rhynern leitet, ist schon die erste Ungewissheit. In der letzten Saison gab es kurz die Hoffnung, dass auch Wismar vielleicht einmal wieder nach Jahrzehnten der Abgeschiedenheit angesteuert wird. Aber vielleicht sollten wir ganz froh sein, dass hier nicht am Schwedenfestwochenende neben Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) auch noch DFB-Pokal gespielt werden muss. Das wäre wie Bundestagswahl mit zeitgleichem Marathon. Und der Schwedenlauf an den ganzen Wahlplakaten vorbei, kann uns schon das ultimative Berlin-Gefühl bescheren. Vielleicht ist es auch ganz gut so, dass die rasenden Reporter nicht bei der Jagd nach originellen Äußerungen sich fragen müssen: ist das das nur sehr undeutliches mecklenburgisch oder schon schwedisch? Wenn man das grüne Ortsschild einmal abgefilmt hat, muss man meistens sowieso das nächstgrößere Stadion in Baumarktoptik beim nahegelegenen Gewerbegebiet suchen. Auf jedem Dorfanger wird dann doch nicht gepöhlt. Schließlich muss man sich den Once-in-a-Lifetime-Moment mit zweistelliger Niederlage irgendwie versilbern lassen. Nur den Sportpark Krieschow muss man wirklich besuchen. Aber der liegt an der A15 und ist sogar bequem mit der Regionalbahn von Berlin gut erreichbar. Nur die Schweden scheuen diese Weltreise und fahren früher ab.
In Spielzeiten des abnehmenden Lichts
Wann die letzte spektakuläre Sonnenfinsternis in unseren Breiten war, war in unserer Erinnerung nicht so einfach herauszufinden. Aber dass wir just in dem Moment einer SoFi Kopfgrätschten, dürfte eine Premiere gewesen sein. Eine hundertprozentige Sonnenfinsternis ist natürlich nicht so häufig zu beobachten und das letzte mal in Mitteleuropa gab es die im Jahr 1999. Die Frühergeborenen erinnern sich vielleicht noch wie sie an einem 11. August damals durch eine Spezialbrille und mit Furcht vor dem Millennium-Bug in der absoluten Finsternis standen. Unser Bundestrainer war Sir Erich Ribbeck und ich musste das erste mal nach Wismar, um mich für ein Studium einzuschreiben. Partielle SoFis gab es seit dem aber noch einige. Z.B. am 31.05.2003, was tatsächlich ein Samstag war. Allerdings konnte man die am besten in Schottland und Island beobachten und wahrscheinlich schauten wir vom Kopfgrätschen am Samstag nicht einmal zum Himmel. Unser Bundestrainer war Rudi Völler und der hatte mit Island nicht so gute Erfahrungen gemacht. An die partielle Sonnenfinsternis am 04.01.2011 kann man sich aufgrund des Jahresanfangs eventuell noch erinnern. Der Dienstag war aber garantiert kein Kopfgrätsche-Tag und wer damals Bundestrainer war, habe ich leider vergessen. Wahrscheinlich der Gleiche wie am 20.03.2015. Einem Sonntagmorgen. Sie wird zwar als Totale SoFi mit 83% gewertet, aber sie war kaum auf Land zu beobachten. Und Land ist beim Kopfgrätschen (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) nun einmal eine essenzielle Zutat. Und Licht eigentlich auch. Deshalb sind wir froh, dass das Risiko weiterer einschränkender SoFis auf absehbare Zeit gering ist. Denkt deshalb auch weiterhin an Sonnencreme. Bundestrainer Jürgen Klopp empfiehlt dieses Produkt zum erfolgreichen Spachteln: https://www.horizont.net/agenturen/nachrichten/-Brand-Active-holt-Juergen-Klopp-fuer-Metylan-vor-die-Kamera-97144. Dass diese Nachricht von dem Tag einer partiellen Sonnenfinsternis stammt, kann kein Zufall sein…
Drei Meckerecken ein Elfer
„An jeden, der unser schönes Spiel (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00), die Emotionen, die Feierlichkeiten, das Lachen, das Weinen, den Betrug und die Freude verpasst hat. An alle von euch, die verpasst haben zu sehen wie Kinder, Babys, Großeltern zusammenkamen für das schöne Spiel: Ich sage Entschuldigung, dass diese Spiele nun vorbei sind und schade, dass ihr all die Freude und das Miteinander verpasst habt. Schade, dass ihr so verbraucht seid von Hass und Kritik, dass ihr all das verpasst habt.“ Das könnt ihr euch gerne mit Italoschweizer-Akzent laut vorlesen und euch fragen, ob es wirklich nachvollziehbare Gründe gibt, auf Emotionen, Feierlichkeiten, Lachen, Weinen, Betrug und Freude Samstag und Mittwoch zu verzichten? Seid ihr am Ende keine willfährigen Claqueure, die Kindern, Babys und Großeltern ihre naive Freude missgönnen? Stellt ihr unbequeme Fragen zur Organisation, zu den Anstoß- und Pausenzeiten, zur Leibchenpolitik oder sogar zu den brandneuen Regeln wie Kniehöhe und Handspiel? Es passiert doch nur zu eurem Spaß und Miteinander. Da kann man doch wirklich nur etwas dagegen haben, wenn man ein notorischer Dauernörgler ist, der auf den ewig spaßbefreiten Berti Vogts hört und Hass nicht auf den Fußballplatz trägt. Wenn man erst einmal so weit wie Gianni ist, bekommt man wahrscheinlich nicht einmal mit, dass sogar Kritiker im Stadion sitzen, die pfeifen und buhen, wenn man im Bild zu sehen ist. Vielleicht haben die Kritiker auch gar keine WM-Spiele verpasst, weil sie so verbraucht waren vom Hass. Vielleicht lag es nur an den langen Warteschlangen am Hotdogstand während der Hydrationbreak. Während die Kinder, Babys und Großeltern brav auf ihrem Platz gewartet haben. Und weil wir weder einen Getränkewagen noch einen Hotdogstand haben, kann uns das nicht passieren. Die Pause dauert eine Zigarettenlänge und wenn man nicht zu früh geht, bekommt man den ganzen Betrug mit und am Ende sogar ein Foto davon.

Wolle WM kaufe?
Man guckt besser nicht zu genau hin, in welche Fondsanteile man da so reininvestiert hat. Das Tolle an Investoren ist: die investieren in alles Mögliche und da könnte auch mal was Nettes dabei sein. Für den erfolgreichen Mix muss man sein Geld natürlich trotzdem ein paar Rüstungskonzernen, Erdölstaaten und Schlachtbetrieben geben. Sonst kommt ja nix bei rum. Aber stellt euch vor: man findet heraus, dass man indirekt über drei Cent an der FIFA-Fußballweltmeisterschaft hängt. Kann man da morgens noch guten Gewissens in den Spiegel schauen? Da überkommt einen doch während der Hydration Break, in der man gerade auf MagentaTV alle Werbespots mit Jürgen Klopp guckt, der pure Selbsthass, oder? Und am Ende der Commercial Break ist Giannis Gebiss noch breiter als das vom Bundestrainer. Es sei denn: im Finale gewinnt doch die falsche Mannschaft aus einem Kontinentalverband, bei dem man als bestechlicher Funktionär sogar manchmal von Gerichten geärgert wird. Michel Platini wollte als UEFA-Präsident 2015 sogar als FIFA-Präsident kandidieren. Aber er schien offensichtlich nicht geeignet, weil ihn zuerst die FIFA-Ethikkommission und später sogar der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufhalten konnten. Stattdessen wurde Gianni Infantino als Ersatzkandidat vor 10 Jahren FIFA-Präsident. Er hätte noch zurückgezogen, wenn Platini zur Wahl zugelassen worden wäre. Aber am Ende war der Franzose wohl doch zu knauserig, um sich anständig aus der Sperre herauszukaufen. Er würde wahrscheinlich auch keine Einmalzahlung 20 Mio US-Dollar für jeden Verband ausloben, um die WM endlich aus der Liebhaberei zu einer profitablen Geschichte zu machen. Und seien wir mal ehrlich: das mit der Liebhaberei ist was für Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Zur Primetime muss man schon das ganze Haifischgebiss zeigen.
Noch eins für Oma
Ihr kennt es von euren Urlaubsfotos. Immer guckt einer blöd oder da ist doch tatsächlich im Budget Hotel eine dicke Kakerlake mit aufs Bild gerutscht. Oder weil im Pool natürlich nicht wirklich viel Platz ist, ist ein Bildausschnitt ohne rotnackige Phänotypen kaum möglich. Früher war einfach die Bildauflösung schlecht und auch das reduzierte Farbspektrum löste manches Problem. Bei besonders wichtigen Erinnerungsbildern, die man auch mal an Oma schicken möchte, kann man aber torkelnde Photobomber nun wirklich nicht gebrauchen. Was also tun, wenn die sich dennoch renitent mit vor die Linse drängeln? Genau, dafür gibt es inzwischen diverse KI-Funktionen. Ein simpler Prompt und der creepy Onkel ist aus der Geschichte getilgt. Ob Donald Trump daran gedacht hat als er sich bei den spanischen Weltmeistern mit aufs Bild schummeln wollte. Oder ob er wenigstens daran gedacht hat, als er Techkonzerne mit KI-gestützten Bildbearbeitungstools im Portfolio gefördert hat? Es ist doch nun wirklich keine größere Aufgabe mehr. Da war es schwieriger damals Leo Trotzki aus dem Bild zu stempeln. Oder die Mannschaftsbilder der Bundesligisten im Kicker-Sonderheft von allen im Unfrieden gegangenen späten Abgängen zu befreien bzw. für den neuen Starspieler den dicken Zeugwart als Körperdouble einzusetzen. Dann musste man noch aufwändig ein viel zu dunkel aufgenommenes Passbild mit Licht von der falschen Seite drüber basteln. Nicht einmal Torsten Legats zu hoch gezogene Buxe konnte man nachträglich im Abzug vom Rossmann korrigieren. Diese Geldstrafe dafür müsste Legat nun nicht mehr zahlen. Wieder einfach verdientes Geld mit dem Schalke nicht mehr planen könnte. Spanien hat dagegen alle Möglichkeiten. Donald Trump einfach in Sekunden entfernen oder aus ihm wahlweise den spanischen König oder Lamine Yamals Bruder machen. Auch wir machen Samstag (10:30) und Mittwoch (18:00) nach Spielende wieder ein Bild für Oma. Obwohl ihr trotz eventuellem Urlaub nachträglich der Krankenkasse beweisen könntet, dass ihr beim Sport gewesen seid, schickt bitte wenigsten den dicken Zeugwart als Körperdouble.
Jules Rimet still streaming
„Tears for heroes dressed in grey, no plans for final day, stay in bed, drift away, it could have been all songs in the street, it was nearly complete, it was nearly so sweet …“ Die englische Popmusik hat zum Glück für jede Situation den richtigen Song parat. Und weil ganz England sich in den letzten Wochen ziemlich sicher war, dass „it’s comin’ home“ die ideale Begrüßungsformel für jede Begegnung im Alltag ist, muss man in der entstandenen Tristesse nicht umständlich einen neuen zur Stimmung passenden Text verfassen. Das haben Baddiel und Skinner schließlich 1998 schon in ihrer Folgeversion von „Three Lions“ geregelt. Seit dem müssen in den Song-Versionen für die absolute Euphorie und die maximale Enttäuschung, die aber nur die Grundlage für erneute absolute Euphorie ist, eigentlich nur die Jahreszahlen angepasst werden. Ein Kniff, den die Sportfreunde Stiller sich auch ausgeborgt haben, als „54, 74, 90, 2006“ nicht direkt zum Erfolg geführt hatte. Die Kreation „54, 74, 90, 2010“ war somit mit relativ geringem Aufwand erledigt. Auf den Trophhäenschrank des DFB hatte das keine Auswirkung, aber die Sportis konnten damit unnötigerweise ihre Karriere noch künstlich verlängern. Immerhin sahen sie ein, dass sie zum Wohle des deutschen Fußballs auf einen dritten Aufguss 2014 verzichten sollten. Das Ergebnis ist bekannt. Prompt wurde Deutschland Weltmeister, erfolgsbesoffenen zu „Auf uns“ von Andreas Bourani. In England ist man aber ziemlich lernresistent und lässt die Hymne des Scheiterns ungern los. Wir können das verstehen. Auch hier wird das ewig gleiche Lied von Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 routiniert aber leidenschaftlich gesungen. Ab und zu werden ein paar Worte ausgetauscht, aber die Message bleibt gleich, wie der großzügige Platz in unserem Trophäenschrank.
Smack Down by Law
Nachdem die Gastgeber den polnischen Abgang von der eigenen Party gewählt haben, sind es wieder die üblichen Verdächtigen, die kein Ende finden. Stattdessen wird noch eine weitere Runde Stuhltanz gestartet und die Reserven aus dem Weinkeller geplündert. Nun ja, noch anderthalb Wochen müssen die armen Einheimischen das auswärtige Eventpublikum ertragen. Ihre komischen unlogischen Regeln hat sowieso niemand verstanden. Inklusive der Schiedsrichter, die öfter mal rätseln beim Ahnden von Ordnungswidrigkeiten. Das hat dann sogar der Herbergsvater Donald gemerkt und direkt die Unmöglichkeit von Quatschregeln entlarvt. Warum wird man für ein Spiel gesperrt, das noch gar nicht gespielt ist? Ja, diese naheliegenden Frage hat sich vorher noch niemand gestellt. Und weil er einst den Sportalmanach gemopst hat, nimmt er Strafen für die Zukunft ziemlich persönlich. Sanktionen für die besten Spieler ist doppelt unlogisch, weil die dann nicht mitspielen und niemand der beste Spieler sein kann. Um solch einen Regelirrsinn schert man sich zum Glück im Wrestling nicht. Da kommt immer mal wieder ein Überraschungsstargast in den Ring gerutscht, mit dem man nicht mehr gerechnet hat. Währenddessen muss man kurz den Schiedsrichter mit ein paar Faxen ablenken oder man verpasst ihm direkt einen Klappstuhl in den Nacken, damit er nicht mehr ganz so genau hinschaut. Solch ein Move könnte das Turnier doch noch einmal für die Gastgeber interessant machen. Ein Finale USA gegen Italien sollte uns nicht allzu sehr überraschen. Familie Trump hat angeblich schon mit höheren Beträgen auf diese Paarung gewettet. In der Kombiwette mit Kopfgrätschen am Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Kommt gerne als Überraschungsgäste und denkt an den Klappstuhl. Natürlich nur für eine weitere Runde Stuhltanz.
Don’t schlotter back in anger
Der Morgen frisst die Nacht wie der Neuer paar Bier
Er hat zur Asche gemacht, was Wirtz nicht konnte
Und hier im alten E-Werk steht der Ruin von Undav
Der Deniz unserer Sehnsucht, er hebt nicht mehr ab
Keine falschen Versprechen, uns bleibt der Break-up
Steh im Boston Stadium der Gefühle allein
Und ich sag: „Goodbye, arrivederci“
Denn unsere Zeit ist vorüber
„Blick niemals zurück“, hör Kimmich noch sagen
Oh, Julian
Oh, Julian
Der Tah, er fährt gerne mit, doch wir sterben nur halb
Auf der Achterbahn des Glücks, mitten im Looping der Halt
So sind wir Hals über Klopp durcheinander gefall’n
Und ich sag: „Goodbye, arrivederci“
Denn unsere Zeit ist vorüber
„Blick niemals zurück“, hör Kimmich noch sagen
Oh, Julian
Oh, Julian
Und so gingst du davon
Der Abschied hat Saison
Goodbye, arrivederci
Goodbye
Goodbye, arrivederci
Goodbye
Und ich sag: „Goodbye, arrivederci“
Denn unsere Zeit ist vorüber
„Blick niemals zurück“, hör Kimmich noch sagen
Oh, Julian
Und ich sag: „Goodbye, arrivederci“
Denn unsere Zeit ist vorüber
„Blick niemals zurück“, hör Kimmich noch sagen
Oh, Julian
Unsere Zeit ist vorüber (…ausgenommen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00)
Traumzauberturnierbaum
Also am Wetter liegt‘s nicht. Diese Sommermärchenzutat kommt nicht zu kurz. Ein 7:1 war schon dabei und ein Lastminute-Sieg auch. Der Deutsche ist aber am Ende auch nur ein Dortmunder, der nicht von der Vergangenheit weg kommt. Und gegen Ecuador haben wir doch gesehen, dass wir gegen die Franzosen erst gar nicht antreten müssen. Das Sechzehntelfinale schaffen wir mit der Trümmertruppe noch. Gegner egal. Wahrscheinlich Bulgarien. Da können wir ohne Probleme Florian Wirtz die Kopfballverteidigung übertragen. Aber weiter geht’s mit dem Bundesjule nicht. Schade Marmelade. Raus ohne Applaus. Für die Amerika-Doku, die in 30 Jahren darüber gesendet wird, wird hoffentlich schon genug Material gesammelt. Das Turnier 2058 in den USA kann man sich also jetzt schon fett im Kalender anstreichen. Mit Ende 70 freue ich mich dann nicht nur auf die Kopfgrätsche-Termine Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Nein, auch auf die ewig gleichen Diskussionen, ob wir noch eine Turniermannschaft sind, warum es immer das schwere zweite Spiel gegen eine afrikanische Mannschaft braucht und welchen Favoriten wir in welchem Turnierbaum durch ein taktisches Unentschieden vermeiden könnten. Und natürlich die Diskussion, ob Nagelsmann mit seinen 70 Lenzen, nicht endlich mal einen Jüngeren ranlassen will. Jürgen Klopp kann es mit Anfang 90 eigentlich nicht sein, aber er wird immer noch in allen 60 Werbespots während der 10 Hydration Breaks im Spiel in die Kamera grinsen. Und die Diskussionen über den Videoschiedsrichter werden wir natürlich auch genüsslich weiterführen. Das Spiel pfeift zwar ChatGPT, aber für die Unparteilichkeit müssen die Assistenten Claude und Gemini sein. Und die müssen parallel noch ausrechnen gegen welchen Gruppendritten mit Geheimfavoritenpotenzial wir bei Torgleichheit im Vierundsechzigstelfinale spielen. Holt euch schon mal Mais. Popcorn wird’s bei dem Wetter von alleine.
Der große Nachzapfenstreich
Das Turnier, das gefühlt schon zwei Wochen geht, ist jetzt eine Woche alt. Und dafür, dass noch Vorrunde ist und man fast nicht ausscheiden kann, selbst wenn man dreimal 0:0 spielt, ist doch fast soviel Spektakel geboten wie bei den Käfigkämpfen zu Donald Trumps 80. Der eine oder andere möchte anscheinend die Chance nutzen, in der WM-Rekordtorschützenliste nach vorne zu kommen. Und das Fernduell der Goat-Greise geht natürlich auch solange weiter bis einem von ihnen während der Hydration Break die Schnabeltasse aus der Hand fällt. Und so wie es läuft werden die Portugiesen CR7 mindestens noch bis zur Heim-WM 2030 mitschleppen müssen. Dann findet auch ein Match in Argentinien statt und wir können uns eigentlich nicht vorstellen, dass Ronaldos Nemesis dort nicht auflaufen wird. Für die Kopfgrätscher (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) im gleichen Alter natürlich ein wahnsinnig schlechtes Vorbild, wenn es darum geht anzuerkennen, dass man eigentlich zu alt für den Scheiß ist. Zum Glück macht Manuel Neuer diesen Peter-Pan-Contest nicht auch noch mit. Das Gute ist, das Turnier dauert noch ein paar Wochen und nach diversen Nachtschichten vor dem Livestream fühlen sich alle ein paar Jahre älter. Nach müde kommt doof. Und am Ende kann man bestimmt Lamine Yamal nicht mehr von Ronaldo unterscheiden. Oder man macht pfeift nach der Hydration Break schon das Spiel ab. Die hat Wolf-Dieter Ahlenfelder quasi schon 1975 erfunden als er im Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Hannover 96 nach 32 Minuten zur Halbzeit pfiff. Auch bei ihm war großer Durst der Grund. Allerdings bereits vor dem Spiel. Und weil man in der Pause so herrlich Nachzapfen kann, wird diese auch bleiben. Zur Not spielen wir währenddessen ein paar der Bierwerbespots mit Jürgen Klopp ein. Der macht doch aktuell Werbung für Bier? Noch…
Wer kennt Heribert Fassbender?
Glocken der Freiheit schlagen in Kirchen ihr Lied ohne Ende
Das Leben malt Bilder aus Licht und aus Schatten auf schneeweiße Wände
Sombreros verbergen den Stolz in den Augen der einsamen Männer
Zärtliche Mädchen verschenken die Sehnsucht im Dunkel der Nacht…
(Mexiko mi Amor – Peter Alexander)
Wenn man denkt, das verstörendste Lied einer deutschen Nationalmannschaft wurde 1994 eingesungen, hat man zurecht vergessen, dass auch die Turniere davor lyrischen Wahnsinn über die Gastgeberländer bereithielten. „Zärtliche Mädchen verschenken die Sehnsucht im Dunkel der Nacht?“ – was wollte uns Bernd Meinunger, der den Text zum Song von Ralph Siegel beisteuerte, damit sagen? Das Powerduo hat uns natürlich noch weitere Klassiker geschenkt, wie „Dschinges Kahn“, „Lass die Sonne in dein Herz“ und „Ein bißchen Frieden“. Wenn also nicht gerade ein Grand Prix anstand, brachten die beiden ihre “Kunst“ unter das Fußballvolk. Singen musste „Mexiko mi Amor“ mit Peter Alexander natürlich ein Österreicher. Auch das war gute Tradition. In „Buenos Dias Argentina“ von Udo Jürgens 1978 gibt es textlich natürlich auch Sombreros und Gitarren. Fußball-Vokabeln sucht man allerdings vergeblich in den Texten. Stattdessen: „ Buenos dias, Señorita und wenn du dann bei mir bist wird die Zeit hier wie ein Traum sein, den man niemals mehr vergisst.“ War das 1982 in Spanien anders? „Es liegt im Lachen der Señoritas, in ihren Lippen wie roter Mohn und im Versprechen der schwarzen Augen und wer es findet, wird reich belohnt.“ Nö, auch hier die bewährte Schlager-Geilheit. Das tropft quasi der WM-Quartierkoller aus jeder Zeile. Und dann wundert man sich, dass früher nur darüber getratscht wurde, welcher Spieler wieder von der Bild dabei erwischt wurde, wie er über den Zaun geklettert ist. Heute sind alle happy mit der Playstation allein die ganze Nacht auf dem Zimmer. Aber darüber möchte heute komischerweise niemand singen. Nicht einmal ein Österreicher. Die Spielzeiten Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 könnte ich allerdings als Raabigram darbieten. Aber beschwert euch nicht darüber, was ich auf Heribert Fassbender reime.
Julian kocht in Windy City
I fell in love again
All things go, all things go
Drove to Chicago
All things know, all things know
We sold our clothes to the state
I don’t mind, I don’t mind
I made a lot of mistakes
In my mind, in my mind
You came to take us
All things go, all things go
To recreate us
All things grow, all things grow
We had our mindset
All things know, all things know
You had to find it
All things go, all things go
Sehr gut erkannt. Das ist natürlich „Chicago“. Nee, nicht von Clueso. Sondern von einem Musiker aus Detroit. Dieser Song war natürlich auf dem Illinois-Album, dem zweiten Album in einer Reihe die Sufjan Stevens über alle US-Bundesstaaten machen wollte. Mit seinem Heimatstaat Michigan hatte er angefangen. Nach Illinois hatte er schon keine Lust mehr auf das Konzept. Aber zu zwei Konzeptalben hat es immerhin gelangt und man kann nur hoffen, dass der Flugkapitän des Siegerfliegers über den großen Teich, den Nationalspielern dieses Album nach den Sicherheitshinweisen über die Bordlautsprecher eingespielt hat. Vielleicht lässt sich so der schlechte Vibe von 1994 aus der DFB-DNA herausexorzieren. Immerhin wurde der Song Chicago für eines der schönsten Roadmovies verwendet. Auch darin macht sich eine kaputte Familie auf dem Weg zu einem Wettbewerb, den sie gewinnen will. Am Ende von Little Miss Sunshine gewinnen sie diesen natürlich nicht. Aber weil der Wettbewerb, also die Little-Miss-Sunshine-Wahl so beschissen ist, ist das auch nicht weiter schlimm. Also wenn am Ende Manuel Neuer, Nico Schlotterbeck und Deniz Undav zu Lennart Karl auf die Bühne springen und zu „Superfreak“ abspacken, dann bringt das doch bestimmt mehr als wenn sich die Nationalspieler den Mund zu halten. Oder sie lassen sich inspirieren von „The Bear“, das nicht nur in Chicago spielt, sondern wo zuletzt auch Sufjan Stevens Song in einer Demo-Version auftauchte. Leider ohne diese sakralen Streicher, aber auch sehr gut. Und passend zu einem Typen der nach Chicago kommt, am Anfang komplett damit überfordert ist ein Team zu führen und sich am Ende einen Stern erkocht – vielleicht kann Julian damit etwas anfangen. Für unsere eigenen Bemühungen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 bleibt leider doch nur „Superfreak“.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.