Experte für Balles

Da hat man zu Hause gerade erzählt, dass die Saison vorbei ist und dann muss man jeden Abend erklären, was da schon wieder für ein Spiel im TV läuft. Das ist nur noch das Finale der Euro League, bzw. die Relegation für die Bundesliga, bzw. die Relegation für die Zweite Liga, bzw. der Finaltag der Amateure mit allen Landespokalfinalbegegnungen in einer sechsstündigen Konferenz, bzw. das DFB-Pokalfinale, bzw. das Rückspiel zur Relegation für die Bundesliga, bzw. das Rückspiel zur Relegation für die Zweite Liga, bzw. das Finale der Conference League, bzw. das Finale der Champions League, bzw. die Final-Four-Spiele der Nations League, bzw. die Spiele der U21-EM, bzw. eins der 63 Spiele der Klub-WM…  dann müsste aber erst einmal eine kleine Fußballpause anbrechen. Aber bis Mitte Juli ist die Versorgung mit grünem Rasen im TV fast jeden Abend gesichert. Nicht alle Profis werden für alle Termine gebraucht, so dass sie zwischendrin bestimmt mal Zeit für einen Shoppingtrip nach Dubai mit kurzem Goldsteak-Imbiss finden. Oder für ein paar Tattoosessions, um sich den Landespokal Hessen großflächig auf den Rücken hacken zu lassen. Aber für die Experten wird es auch ohne großes Nationenturnier ein stressiger Sommer. Ob das die Teilzeitkräfte Mats Hummels und Thomas Müller berücksichtigt haben, als sie ihren Berufswunsch für nach der aktiven Karriere formuliert haben? Und im Sommer ist das ja noch ganz nett, selbst wenn einen die Mücken im Scheinwerferlicht ordentlich annagen. Im Februar mit diesen großen Steppjacken neben dem schimpfenden Matthias Sammer im zugigen Celtic Park stehend ist bestimmt kein Vergnügen. Dann doch besser noch etwas weiter kicken in einer sogenannten Operettenliga. Das sagen wir uns auch jeden Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00, wenn wir den Ball in unsere Mitte werfen. Oder lieber einen Spiegel-Bestseller wie Christoph Kramer schreiben und damit über die Buchmessen tingeln? Wenn am Ende aber Matthias Sammer schimpfend im Literarischen Quartett deine Leistungen bei der Zeichensetzung kritisiert, weißt du, dass es sogar dafür eine Fortsetzung geben muss.

Heatmaps to the Stars

Wenn man auf den aktuellen Fußballstammtisch schon Glühwein und Kinderpunsch mit Schuss stellen muss, hilft es wenn man sich bei der üblichen Fachsimpelei ein paar warme Gedanken machen kann. Da kann man ruhig mal daran denken was im Moment die älteren Semester treiben, die es im Sommer und in vermeintlich weiser Voraussicht in wärmere Regionen verschlagen hat. Dafür mussten Hummels und Reus nur ein wenig gegen den Trainer im nasskalten Dortmund putschen, der am Ende sogar gegangen ist. Aber auch die beiden Alten aus der schwarzgelben Muppetshow standen mit einmal ohne Rentenvertrag am Flughafen und scannten die Anzeigetafel nach möglichen Nachspielzeiten in Regionen mit Palmen oder Feigenbäumen. Sogar Mallorca war kurzzeitig als Ziel im Gespräch. Da geht zwar alle halbe Stunde ein Flieger hin und der Strand ist beständig voll mit Fußballteams von der Kreisklasse bis zur Bundesliga, aber ob da tatsächlich Fußball gespielt wird, war nicht ganz klar. Am Ende sind es dann doch L.A. und Rom geworden und das klingt eigentlich ganz wohltuend für die Körperteile, auf man sonst großflächig Wärmepflaster kleben muss. In der MLS in Amerika drübbe klatscht man Marco Reus für seine wohldosierten Auftritte gerne warmen Applaus und vielleicht reicht das sogar, um endlich einen Meistertitel in den Lebenslauf zu schreiben. Am Ende der regulären Saison ließ sich Reus‘ Team zwar am letzten Spieltag mal wieder von Platz 1 verdrängen, aber dass der amerikanische Meister in Play-offs ausgespielt wird, kommt dem zweimaligen DFB-Pokalsieger sicher mehr entgegen. Für Hummels lief es in Rom hingegen bis jetzt überhaupt nicht. Kaum Einsatzzeit, Eigentor und gestern bei einem der seltenen Auftritte in der Euro League gleich in den ersten Minuten einen Elfmeter in Tottenham verschuldet. Aber am Ende war er doch der Sunnyboy, weil er den Ausgleich in letzter Minute schoss. „Can he do it on a cold, rainy night in Tottenham?“ Vermutlich sogar besser als in einer lauschigen Notte Magica in der ewigen Stadt. Der Antwort auf die Frage: „Can you do it on a cold, sunny Saturday morning 10:30 in Wismar?“ nähern wir uns morgen. Die Tights sind auf jeden Fall vorgewärmt.

29. Mai 2024 – Mats im Nationalmannschaftstrikot auf Mannschaftsfoto

Die Idee war: Wenn Mats Hummels schon nicht mit aufs Nationalmannschaftsfoto darf, darf er es wenigsten bei Kopfgrätsche.de. Mats ist praktischerweise käuflich, gegen 5 Sammelpunkte und 2,99 Euro bei Edeka. Während seine teils auch nicht in echt nominierten Playmobil-Mannschaftskollegen eher zögerlich gekauft werden, ist Hummels im Edeka in Wismar-Süd schon gut übers Kassenband gekullert. Und offensichtlich hatte nicht nur ein Kopfgrätscher die Idee: Jürgen hatte seinen Mats auch mit – praktisch da, wo andere sonst ihre Zigaretten lagern.

Poldi und die Pollen

Der März kommt irgendwie auch immer später. Langsam habe ich das Gefühl, jemand erfindet im Februar zusätzliche Tage, um den meteorologischen Frühlingsanfang künstlich herauszuzögern. Dabei fragen ja jede Woche Samstag 10:30 schon die Mitspieler ungeduldig, wann endlich wieder auch am Mittwoch gespielt werden kann. Damit die Mittwoche in diesem Jahr mit denen von vor vier Jahren mithalten können, gibt es extra den 29. Februar. Aber wer will ernsthaft den Frühling von vor 4 Jahren? Da war doch der Platz gesperrt. Aber sie haben gesagt, es würde sich sonst alles komisch verschieben oder wir könnten in hundert Jahren schon einen Monat früher unter der Woche spielen. Setzt sich das weiter fort, wäre irgendwann im Juli tiefster Winter. Das möchte man sich gar nicht ausmalen. Wer wird denn dann Herbstmeister? Wann weiß der HSV, dass Frühjahr ist, um rechtzeitig den sicher geglaubten Aufstieg zu verspielen? Ist noch irgendjemand in Belek in der Winterpause, um Quatschpokale im Trainingslager auszuspielen? Und wann ist Weihnachtssingen im Stadion? Völliges Chaos. Nur den Leuten, die in der Halle spielen, ist das egal. Es ist also nicht verwunderlich, dass Poldi und Mats langfristig mit der Baller League auf die Indoorvariante setzen. Dabei adaptieren sie dreisterweise ganze Spielformen von uns und nennen sie Gamechanger. Das Wiedereingliedern von verdienten Legenden gefällt mir allerdings ganz gut. Unter den knallbunten Trikots fällt der Postkarriereranzen nicht ganz so doll auf und die kleine Fläche kommt den Altgedienten und ihrer Kondi natürlich extrem entgegen. Wenn sie irgendwann die warme Halle verlassen, werden sie sich die Augen reiben. Hoffentlich nur, weil die Vegetation noch bunter als ihre Trikots ist. Und wegen Heuschnupfens.

Die Indianer von Köpenick

Mats und Julian gucken aktuell mal, was das denn für Länder sind, in die die WM 2026 vergeben wurde. Ist die Infrastruktur für ein solches Turnier überhaupt vorhanden oder müssen wir uns wieder als Fallback anbieten, wenn die das nicht packen? Okay, die letzte WM auf dem Kontinent war 1994 nur in den USA, aber obwohl wir uns als Titelverteidiger auf Jahrzehnte hinaus unschlagbar wähnten, sind wir ohne Pokal nach Hause gefahren. Da muss man doch mal kritisch prüfen, woran es gelegen haben könnte. Damals kamen die Spieler aus dem Osten dazu, das sind wohl diesmal die Kicker von Union Berlin, die man plötzlich wie ein indigenes Volk auf dem eigenen Staatsterritorium entdeckt hat. Im WM-Kader damals waren mit Sammer und Kirsten aber auch nur zwei Ossis und die konnten ausnahmsweise nichts dafür, dass Effes Finger zu lang und Icke Häßler zu kurz war. 2026 müssen die USA hoffentlich nicht mehr ihre Baseballstadien umfunktionieren. Einige sahen ja aus wie unsere Spielstätte an der Bürgermeister-Haupt-Straße  – ein umfunktionierter Basketballcourt mit fetten Linien aber ohne Tore. Eine weitere Anreise zur Kapitänspromenade wird wohl auch diesem Samstag (10:30) alternativlos sein. Die USA muss den Wunsch nach 16 Highend-Spielorten zum Glück nicht allein erfüllen. Sie haben schließlich auch Partner mit Fußballexpertise dabei. Und 1986 hat Mexiko noch allein solch ein Turnier gewuppt. Das kann man sich mit Hinblick auf die Entscheidung für die Spielorte 2030 kaum noch vorstellen. Muss man bei 6 Gastgebern überhaupt noch eine Qualifikation ausspielen? Zwei Gruppen sind doch quasi schon voll. Zum Glück hat die Fifa auch darauf Antworten und stockt das Teilnehmerfeld ab der nächsten WM von 32 auf 48 Mannschaften auf. Es warten also 104 tolle Spiele in 40 Tagen auf uns und ich will alle sehen. Das wird doch die letzte echte WM, die man gucken darf, bevor es nur noch Geldschneiderei mit korrupten autokratischen Regimen ist. Oder die vorletzte?

Lothar’s Run

Spätestens jetzt wo die Endezwanzigjährigen ihre Karrieren beenden, ist es definitiv klar: das wird nichts mehr in diesem Leben mit dem Ausflug in die Profiliga. Konnte man es sich früher noch schönreden, dass ja Lothar Matthäus oder Claudio Pizarro auch mit 40 noch Topleistungen bringen konnten, kann man heute froh sein, dass es einem mit der 3 vorne beim Lebensalter nicht wie bei Logan’s Run ergeht. Die meisten Teams setzen doch inzwischen auf etwas jüngere Talente. Sogar Manuel Neuer musste sich von der 11Freunde aktuell frech fragen lassen, wann er denn endlich Platz macht für die Jugend. Erwartungsgemäß polterte der renitente Pfosten-Methusalix auch rum, als man ihm die schönen Prospekte vorlegte, die schon Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng durchblättern mussten, als sie nicht freiwillig mit ihrer schönen Weltmeisterprämie ein Wohnmobil kaufen oder eine Kreuzfahrt machen wollten. Wenn sie wenigstens nach dem Motto „je oller, je doller“ ordentlich über die Stränge geschlagen hätten, wäre es sehr viel leichter gewesen sie nicht mehr einzuladen. Das war bei Kevin Kuranyi oder Max Kruse einfacher. Kruse bekommt immerhin in der Uralten Försterei ein eisernes Gnadenbrot. Als Nachfolger von Claudio Pizarro war er dann doch nicht mehr gefragt. Immer weniger Mannschaften leisten sich solch ein knuffiges Risikogruppen-Maskottchen, um auch die älteren Zielgruppen abzuholen. Im November wird dafür Youssoufa Moukoko endlich 16 und darf damit die Bundesliga aufmischen. Wenn Dortmund bis dahin Sancho nicht verkauft, besteht die akute Gefahr, dass tatsächlich ab und zu Zwanzigjährige Instragram-Greise durch seine TikTok-Videos laufen. Aber wie ich höre zeigt sich Old (!) Trafford aufnahmebereit. Wer hingegen sogar bei Otto Rehhagel als Libero aus Altersgründen aussortiert wurde, für den bleibt nur noch Samstag 10:30 oder Mittwoch 18:00.

Die B-Seite der Weltmeisterplatte

Am Ende dieser Nations-League-Woche gehen wir also noch einmal in die verlängerte WM-Analyse. Jogis Powerpoint ist zwar schon durch, aber er hat hoffentlich noch eine französische Version davon. Dann könnte er unserem Nachbarn ein paar gutgemeinte Ratschläge gegen das sichere Vorrundenaus 2022 geben. Während er selbst endlich die satten Endzwanziger aussortiert und nun auf hungrige Mittzwanziger setzt, läuft Frankreich sehenden Auges in sein Verderben. Der Sieg der Franzosen verhindert den nötigen Umbruch nach der gewonnenen WM. Wäre jetzt nicht beste Zeitpunkt für Mbappé wie Poldi nach Japan zu wechseln, um dort noch ein paar gute Jahre als Pokémon zu fristen? Und Paul Pogba wird bestimmt genau hingeguckt haben, als Per Mertesacker diese Woche sein launiges Abschiedsspiel veranstaltete. Wenn nicht, dann nur nicht, weil Deschamps Pogbas Zeit verschwendet und ihn immer noch im französischen Mittelfeld mitspielen lässt. Und dieser Pavard soll bekanntlich nächste Saison nach München wechseln, um Hummels UND Boateng zu beerben. Da wird das Unglück doch schon mit dem dicken Edding vorgezeichnet. In der deutsch-französischen Kiez-Kneipe in Paris haben sie sicherheitshalber die deutschen Würste auf der Weltmeisterplatte gelassen. Es lohnt sich wahrscheinlich nicht für die vier Jahre bis zur Katastrophe die Karte zu ändern. Wir ändern ja auch unsere Anstoßzeit (Samstag 10:30) seit Jahren nicht. Die Mannschaft wechselt dafür munter durch. Ab und zu dürfen sogar die beiden Pokémons mitspielen, die eigentlich gar kein Fußball spielen können.

Eiszeitspiel

Diese Wetterentwicklung hatte wohl niemand ernsthaft erwartet. Das frostige Klima trifft viele im Land unvorbereitet. Herrentagsgesellschaften montieren bereits hektisch Winterreifen an die Bollerwagen. Und auch bei uns feiert die lange Buxe eine Renaissance. Während wir die praktischen aber modisch fragwürdigen Leibchen beim Kopfgrätschen zudem als eine weitere willkommene Bekleidungsschicht schätzen, werden die modebewussten Weibchen zusammen mit der Sommerkollektion über den Weißwurstäquator gezwungen. Kein Wunder, dass es den Dortmunder Kapitän gen Süden zieht. Der Bremer Skipper scheint hingegen hoffnungslos in seinem Hafen festgefroren zu sein. In den Stadien ist am Wochenende gebietsweise mit eisigen Empfängen zu rechnen. Mit unseren Spielterminen Samstag 10:30 und Dienstag 18:00 versuchen wir etwas das Eis zu brechen. Regelmäßige Wechsel zwischen den Teams werden hier genutzt, um die nötige Reibung zu erzeugen. Um zu verhindern, dass uns Samstag das alkoholfreie Hefeweizen einfriert, muss man es wahrscheinlich mit Schuss bestellen. Bananensaft wird nicht reichen.

Wer nachhaltig für Tauwetter im Land und in den Herzen sorgen will, besucht Dienstag im Anschluss das Counter-Speech-Konzert in der Markthalle (Beginn ab 17 Uhr).