Inzwischen ist der Bundestrainer bei Kaderentscheidungen auf einem Beliebtheits-Level mit dem Kulturstaatsminister, wenn dieser Buchläden nominiert. Oder nicht nominiert. Was ja noch mehr Diskussionsstoff bietet. Früher guckte man dazu das literarische Quartett des Fußballs, also den Doppelpass und lauschte dem Urteil des Reich-Ranickis des Fußballs, also Udo Latteck. Nun wird die anstehende WM nicht Julians Erstlingswerk, aber er ist immerhin so jung, so dass er noch ein paar Jahrzehnte an einem Bestseller schrauben kann. Da hilft es wenn man zwischendrin häufiger mal högscht diskutabele Auswärtstrikots herausbringt. Das lenkt ein wenig vom sportlichen Groschenroman-Niveau ab und schreit geradezu: „Please judge this book by its Cover!“. Nun also Dunkelblau mit Türkisfarbenen Applikationen. Sieht nach einem Cyberthriller aus, der zum Großteil von KI geschrieben wurde. Passt jetzt nicht so schlecht zu einem Auftritt in Amerika. Jetzt wo gerade „Ein Sommer in Italien“ über die WM 1990 in die Kinos kommt, merkt man warum das aktuelle Heimtrikot sich nah an 1990 bewegt. Mit Nick Woltemade versuchte man sogar plump ein Rudi-Völler-Lookalike zu züchten. Aber man kennt diesen Effekt ja aus dem Buchhandel oder von der Buchmesse, wo ein erfolgreicher Titel eine Vielzahl an visuellen Nachahmern weckt, die zwischen den Buchdeckeln wenig schöpferische Eigenleistung bieten. Fehlen im Kader also nur noch optische Äquivalente zu Litti, Lothar, Icke und Auge mit Mut zur Föhnfrisur und schon wären wir in der Lage die WM 2026 bereits im Vorfeld zu verklären. Dass das WM-Quartier in Winston-Salem an Stephen King erinnert, muss auch nicht von Nachteil sein. Wir versuchen auch diesen Samstag 10:30 die legitime Fortsetzung eines anderen Grusel-Klassikers zu schreiben: Lothars Tagebuch.
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Stay at the Kopf-Grä-Tsch-Ee (Samstag 10:30)
Dass es so episch werden würde, konnte ja niemand ahnen. Auch eine Woche nach der WM-Auslosung sind einige noch nicht aus diesem Fiebertraum aufgewacht. Gerüchten zufolge steht Rudi Völler noch immer in der Halle in Washington und klatscht einsam zur Musik der Village People. Bei ihm wurde natürlich ein dreißig Jahre altes Trauma freigelegt, als er bei Wetten dass…? vor der WM 1994 seine steifen Hüften zu „Far away in America“ kreisen lassen musste. Der Klinsi war damals so sehr dabei, da musste Rudi einfach nachziehen, um seinen Stammplatz im Sturm zu verteidigen. Aber vielleicht war er auch nur paralysiert von der unglaublichen Moderation Gianni Infantinos. Und Rudi hatte eine Vision von der nächsten WM-Auslosung, bei der Infantino sehr wahrscheinlich auf offener Bühne live ein paar Journalisten zersägen wird, um den Gastgebern ein gutes Gefühl zu geben. Den Peace-Pokal mit den abgesägten Händen kann er da noch einmal recyceln. Auch wenn Donald Trump das Konzept Wanderpokal natürlich komplett ablehnt. Spätestens jetzt vermissen wir Marcel Reich-Ranicki, der nach einer missglückten Fernsehpreisverleihungssendung 2008 rief: „Ich nehme diesen Preis nicht an! Ich gehöre nicht in diese Reihe. Ich finde es schlimm, dass ich das hier heute Abend erleben musste.“ Nun, nach dem letzten Freitag muss man ehrlicherweise sagen: so schlimm war der Fernsehpreis damals nicht. Am Ende musste Thomas Gottschalk, der damals noch nicht die Eklats bei Preisverleihungen selbst auslöste, die Kuh vom Eis ziehen und zwischen Fernsehdeutschland und dem Literaturkritiker vermitteln. Dafür gab es tatsächlich eine Extra-Sendung mit dem Titel: „Aus gegebenem Anlass – Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk.“ Village People waren nicht eingeladen.
Wolf, du hast die Gans gecancelt
Die Flickschusterei beim DFB ist vorbei. Jetzt werden andere Saiten aufgezogen. Statt den Graugänsen ist der graue Wolf wieder zurück. Und Hannes Wolf hat er auch noch dabei. Tierisch. Zum Schluss war es unter Hansi wohl auch ziemlich viel Graubrot. Das haben jedenfalls die drei Leute berichtet, die sich den Mist noch angeguckt haben. Aber Rudi sucht trotz seiner 100%igen Siegquote nach einem Nachfolger, der sich den unverschämten Fragen der Journalie von Weizen-Waldi bis zu den Rocketbeans stellen mag. Da muss doch jemand aus diesem Brauseuniversum zu finden sein, der schon mal Thomas Müllers TikToks geliked hat. Ach guck, der eine da mit den gezupften Augenbrauen ist frei, weil er den Bayern zu sehr Laptop statt Lederhose war. Oder zu sehr Skateboard statt Bierbank. Oder einfach zu sehr Nagelsmann statt Tuchel. Der Verfügbare passt natürlich nicht in die Kategorie Otto Nerz, Sepp Herberger, Helmut Schön. Aber immerhin hat er auch nicht einen dieser schwäbischen Tiernamen wie Klinsi, Jogi oder Hansi. Sein Gehalt ist nicht niedrig, dafür bekommt der DFB ein paar Insta-Follower dazu. Und wenn die demnächst alle die DasErste- und ZDF-Apps herunterladen, um ein Länderspiel zu gucken, ist das doch gut investiert. Beim Kopfgrätschen muss ich mich auch erst einmal vertreten lassen. Ich habe aber schon eine Idee, wer demnächst Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 die Spieler zum Platz quatscht. Ich habe da einen Bewerber an der Hand, der extra einen Motivationsfilm mit Graugänsen auf CD-Rom dabei hat. Nur mit den Leibchen fremdelt er etwas. Sie sind ihm nicht grau genug.
Notte Macchiato
Nachdem wir schon für die eine Stürmerlegende der Weltmeister von 1990 erfolgreich eine Anschlussverwendung gefunden haben, ist nun seit dieser Woche klar, dass auch sein Partner im Strafraum endlich wieder einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen kann. Rudi Völler hat mit dem Sportdirektorposten beim DFB bewiesen, dass es mehr als einen von seiner Art geben muss, nachdem er als Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen ja eigentlich in Rente gegangen war. Er war auch 1990 einer der Italienlegionäre, der in seiner Stadt Rom den WM-Pokal in den Himmel einer dieser Notti magiche recken konnte. Als ewiger Römer hat er natürlich eine Italienerin als Lebenspartnerin und Latte Macchiato als Kindergetränk kennengelernt. Sein Sturmpartner im Trikot der Nationalmannschaft spielte zur gleichen Zeit für Inter Mailand und seit dieser Woche ist der polyglotte Klinsmann endlich weg von Facebook Live. Wir dürfen gespannt sein auf welchen Social-Media-Kanälen er nun die südkoreanischen Fans mit Insights versorgt. Sein Aus bei der Hertha ist tatsächlich auch schon wieder 3 Jahre her. Aber alle erinnern sich selbstverständlich noch an seine spektakulären Anfänge in Berlin oder München. Das Abfilmen der Fankurve, die Buddhas auf dem Dach oder Söhnke Wortmann mit der Kamera in der Kabine – Klinsi wusste stets wie man einen Einstand inszeniert. Auf den darf man sich bei seinem Engagement in Südkorea also bestimmt freuen. Und wahrscheinlich wird auch das Ende wieder denkwürdig. Ein Jahr nach dem WM-Titel in Rom trafen Rudi und Klinsi übrigens als Gegner im UEFA-Cup-Finale 1991 aufeinander, den die Mailänder nach Hin- und Rückspiel 2:1 gegen die Roma gewannen. Neben den beiden DFB-Stürmern standen in den Finalspielen auch die Weltmeister Andreas Brehme, Lothar Matthäus und Thomas Berthold auf dem Platz. Kurz danach endete die große Italien-Amore für viele der deutschen Legionäre. Rudi und Klinsi zogen 1992 nach Südfrankreich zu Marseille und Monaco weiter. Mit den warmen Gedanken an Südfrankreich und Italien ignorieren wir Samstag 10:30 die Temperaturen am Nullpunkt auf der Piazza und träumen von Notti magiche im Estate.
Völlerverbot
Im Nachhinein werden wir Jogi Löw doch noch irgendwie dankbar sein. Okay, er ist ungefähr sechs Jahre zu spät zurückgetreten und seine Fummeleien an der Seitenlinie sind immer noch sehr verstörend. Aber langfristig hat er uns wahrscheinlich vor großem Leid bewahrt. Man muss nur gucken, wer beim DFB und den entscheidenden Posten der Fußballmacht immer wieder ans Ruder gelassen wird, um zu erkennen: wir haben ein Sturmproblem. Aber mit ehemaligen Stürmern. Golden Oldboy Bierhoff hat nach Jahrzehnten des Verharrens in seinem Büro gerade erst seinen Schreibtisch geräumt, da werden schon die nächsten ehemaligen Nationalstürmer in die erste Reihe geschoben. Rudi Völler und Fredi Bobic wird tatsächlich zugetraut, den DFB zu modernisieren. Vermutlich weil Rudi vor 20 Jahren bei einer WM Vize geworden ist, als man eigentlich in der Vorrunde hätte ausscheiden müssen. Schon damals war Rudi Völler eine Verzweiflungsidee für den Teamchef, weil es keine bessere gab und Christoph Daum doch kein ganz so reines Gewissen hatte. Der Rumpelfußball mit Oli Bierhoff im Sturm war allerdings schwer zu ertragen. Nach dem Turnier beendete Bierhoff seine Stürmerkarriere beim DFB, um kurze Zeit später als Funktionär wieder aufzutauchen. Seinen Platz im Sturm nahm Fredi Bobic ein und musste mit Rudi noch schlimmeren Rumpelfußball zur EM 2004 abliefern, bevor mit Klinsi der nächste ehemalige Nationalknipser das Chef-Ruder übernahm. Was Klinsi wirklich außerhalb des Strafraums qualifizierte, konnte er bei Bayern, Hertha und Facebook Live allerdings nicht nachhaltig nachweisen. Sein DFB-Nachfolger Jogi Löw war natürlich auch ein Stürmer, aber nachdem Miro Klose in Rente ging, spielte er immer seltener mit einem klassischen Stürmer. Und damit endet hoffentlich irgendwann die Linie an Strafraumkanten, die noch Jahrzehnte nach ihrer aktiven Karriere niemals an den besser postierten Mitspieler abspielen und damit reihenweise beste Chancen vergeben. Bis dahin wird es allerdings noch etwas dauern. Wir machen uns besser schon mal sehr viel Popcorn. Direkt nach dem Kopfgrätschen Samstag 10:30 mache ich die Pfanne heiß.
100% Sicherheitspassquote (In aller Präsidentschaft)
Da ist Uli Hoeneß endlich wieder zurück aus der längsten Winterpause aller Zeiten und niemand redet über ihn und seine Bayern. Unter dem Hashtag #Inauguration diskutieren stattdessen alle über den Einstieg eines anderen Präsidenten, gegen den Uli und die seinen kein Thema sind. Sogar Louis van Gaals Karriereende macht mehr Schlagzeilen als der Rückrundenstart des Rekordrückrundentabellenführers. Dabei wird der Tulpengeneral mit seiner Zweitkarriere als Donald-Trump-Doppelgänger noch 4 bis 8 erfolgreiche Jahre vor sich haben. Ob in diesem Zeitraum niemand anderes als die Bayern Meister wird, ist da doch unser kleinstes Problem. Etwas Kontinuität ist doch auch schön in diesen wilden Zeiten. Also freuen wir uns auf die drölfzigste Meisterfeier auf dem Münchner Marienplatz im Mai, die 20. Staffel In aller Freundschaft, eine weitere Runde 80er im Hitmix des UKW-Radios oder Jogi Löw als ewigen Bundestrainer bis 2020. Und natürlich Kopfgrätsche Samstag 10:30. In dieser kleinen heilen Welt der Konstanz ist es doch wie in einer schönen seichten Soap, wenn die Abteilung Attacke aus München ein provokantes Interview in der Süddeutschen gibt. Woraufhin wochenlang empörte Antworten von Aki Watzke, Ralle Rangnick und Tante Käthe durch den Blätterwald von Kicker und SportBild rauschen. Und das alles ohne Twitter und dass jemand tiefbeleidigt auf den roten Knopf drückt. Einfach himmlisch.