Rolling and Schilling

„Kommt ein Mann in die Vierzig…“ wer hier sofort mitsummt, hat einmal zu viel den Fußballklassiker der DEFA „Nicht Schummeln, Liebling!“ geschaut. Andere werden verzweifelt jammern, dass sie auf diesem Wege schon wieder genichtschummelnlieblingt wurden. Das Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00)-Äquivalent zum Rickrolling. Ja genau, dieser fiese 80er-Ohrwurm, den die Männer um die Vierzig schon in ihrer Kindheit ertragen mussten. Im Alter wechseln sie deshalb gerne mal in eine sogenannte Operettenliga. Was früher eigentlich bedeutete, dass man seine Karriere in Österreich beim Viervierteltakt in drolligen Stadien mit Fans, die mehr vom Wintersport verstehen, ausklingen ließ. Dafür reichte es meist noch, aber international war es unter den großen Ligen also der Oper anzusiedeln. Heute geht man für den letzten dicken Gehaltsscheck natürlich nicht mehr nach Österreich. Die Frage: „Woas moachd dös in Schilling?“ hat man lange nicht mehr gehört. Woanders gibt es schließlich Dollar oder Saudi-Riyal. Messi und Benzema unterschrieben für einige dieser Scheinchen in Ligen, die man bei der Fußballmusik eher mit dem Musical vergleichen kann. Für das passende Geld von Disney singt Lionel Rich eventuell sogar „Let it go“ oder „Die Sonne kommt immer wieder“. Je nach Wunsch. All das hat Zlatan nicht nötig. Bei ihm war der Abschied schon ein derartiges Gefühlsbonzentreffen, das danach quasi nichts mehr kommen kann. Die Rolle im Asterix-Film kann er schließlich schon von der Bucketlist streichen. Aber wer weiß. Aus der Nationalmannschaft ist er auch gefühlt 15mal zurückgetreten und hat sich trotzdem zu 121 Länderspielen für die ESC-Champion-Nation herabgelassen. Wenn die Umstände stimmen, legt er sich vielleicht doch noch mal für einen Roundhousekick zu den Takten von Mamma Mia! (here I go again) in die Strafraumluft. Never gonna give you up, Zlatan! 

Brazzo und der Fluch des Kahn

Nirgendwo ist der Aberglaube größer als in der katholischen Kirche und im Fußball. Rituale sind wahnsinnig wichtig, um irrational und gegen jede Statistik das Glück zu überlisten. Dabei kann es sich der Fußballgott frei aussuchen, welcher Götzendienst ihn mehr anspricht und wohin er sein Füllhorn leitet. Und wenn er Bock darauf hat, dass ein Verein zehnmal hintereinander Meister wird, dann wird er seine Gründe dafür haben. Er darf dann vielleicht auch beim 11. möglichen Titelgewinn ganz subjektiv entscheiden, dass er diesen verhindert solange dieser blondgeföhnte Seuchenvogel mit der schlechten Laune dort auf der Tribüne sitzt. Die Leidenden werden mit der Aussicht bestraft, dass sie am Ende der Saison ihren Namen nicht in Metall gravieren dürfen. Da leitet er willkürlich das Füllhorn zum Tabellensechsten um und lässt ihn in Serie gewinnen bis sie den Typen entfernt haben, der tatsächlich seine Biografie „Ich – ein Buch über Erfolg“ genannt hat. Wie maximal blasphemisch kann man sein? Als ob Erfolg etwas mit Können zu tun hätte. Da der Fußballgott natürlich nicht spricht, sondern nur ab und zu die Signale aus dem Kölner Keller stört, muss man wahnsinnig viel herumprobieren bis man herausgefunden hat was ihm eventuell missfällt. Magst du den Trainer nicht? Oder den Sportdirektor? Sollen wir den Glückspulli wechseln? Oder den Busfahrer? Hilft es wenn wir noch ein drittes Sondertrikot für 120€ herausbringen? Gib uns doch ein Zeichen, oh Herr! Woran unsere Erfolgslosigkeit wirklich liegt, werden wir wohl nie erfahren. Dafür ändern wir zu oft das Setup. Es hilft nicht einmal, dass man immer das gleiche Waschmittel für die Leibchen nimmt. Die anderen Verhaltensmuster wechseln zu oft, obwohl es so simpel wäre, einfach Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 am Platz zu sein, um wenigstens schon mal herauszufinden, ob dem Fußballgott diese Anfangszeiten überhaupt gefallen. Oder ob er am Ende einen persönlichen abwegigen Spaß daran hat, Spieler für ihren Erfolg trainieren zu sehen? Es ist nichts auszuschließen bei diesem kranken Irren.        

Staubfänger im Roggen

So, der gelbe Schirm ist besorgt. Ein wenig schade für die Filzer, die nun am Wochenende vergeblich auf Besucher warten. Aber irgendwie müssen wir ja Samstag 10:30 am Platz kenntlich machen, dass es bei uns wahre Kunstfüßchen zu bestaunen gibt. Bei Kunsthandwerk gibt es natürlich Frei- oder Strafstoß, aber Kunstfußwerk hat auch sein Publikum verdient. Und echte Kopfgrätschen in Vollendung haben einen Seltenheitswert, der uns bestimmt Massen an Schaulustigen an den Platz ködert. Unsere kleine Manufaktur (oder wie heißt das, wenn la Mano de Dios nur im Ausnahmefall gestattet sind?) ist zwar nicht gläsern, aber durch den Zaun kann man dennoch prima hindurchgucken. Falls es Interessenten für Stehrümchen und Staubfänger gibt, diese können vereinzelt tatsächlich auch im Angebot sein, bekommen aber meist schnell einen herzlichen Anranzer, dass sie gefälligst zeitnah wieder in der Abwehr mithelfen sollen. Kurz danach verändert sich ihre Gesichtsfarbe zu der von gebranntem Ton, sie verändern japsend ihre Rolle und werden zum Ladenhüter zwischen den Pfosten. Käuflich ist hier nicht viel. Die meisten Kopfgrätscher haben nicht einmal ein aktuelles Preisschild auf transfermarkt.de. Aber das ist ja wie bei so vielen Werkstätten, die man am Kunst-Offen-Wochenende bei einer Landpartie durch die Roggenfelder besuchen kann. Davon findet man selten etwas in den Katalogen der großen Galerien. Darum hoffen wir, dass alle Besucher auch den Exit ohne Giftshop finden und trotzdem auch Mittwoch 18:00 wieder zurück an den Platz kommen, wenn mit der gleichen Ernsthaftigkeit aber ohne Schirm an der perfekten Kopfgrätsche gefeilt wird.

Verkatert nach Förderkader

Letzten Mittwoch 18:00, man trifft sich zum gepflegten Kopfgrätschen mit drei Mannschaften. Jede Ballaktion ob gelungen oder nicht ist begleitet von einem Roar, der offensichtlich nicht uns galt sondern aus dem Stadion nebenan herüberschwappte. Aber wer spielt zu dieser Zeit so spektakulär im Stadion, dass es die Menschen so dermaßen von den Sitzen reißt? Können das wirklich Menschen aus Wismar sein, die jetzt nicht unbedingt dafür bekannt sind so geräuschvoll aus sich heraus zu gehen. Sogar entscheidende Spiele um Auf- oder Abstieg sorgen selten für solch eine Soundkulisse. Als Anker 2019 sein Relegations-Rückspiel in den Sand setzte, konnte man die Schultern zucken hören. Auch damals lief parallel ein Kopfgrätsche-Mittwoch, der aber aufgrund dürftiger Teilnahme (kein Wunder alle potentiellen Mitspieler lungerten am Jahn-Sportplatz rum) ein frühzeitiges Ende fand. Na gut, es regnete auch an dem Abend. Deshalb existiert von dem besagten Mittwoch nur ein Mannschaftsfoto der Eventfans in Zivil.

Zurück ins Jahr 2023. Anker steht als aufstiegsunwilliger Meister bereits fest. Das erklärt den Lärm im Stadion am Mittwoch also nicht. Über fussball.de ließ sich später noch recherchieren, dass es das Landespokalfinale der PSV A-Jugend gegen den Förderkader René Schneider war, das erst in einem Elfmeterschießen entschieden wurde. Auch zwei Tage danach lassen sich keine Spielberichte dazu finden, was dafür spricht, dass die, die dabei waren, wohl immer noch siegestrunken sind. Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 freuen wir uns am meisten über Jubelanlässe, die dem eigenen Spiel zuzuordnen sind. Falls diese ausbleiben sollten, nehmen wir aber zur Not auch Fremdjubler aus der Nachbarschaft. 

Jeremy spoke in Master Class today

Yeah, Hamburg ist wieder das Maß der Dinge, Diggi! Also beim Fußball jetzt noch nicht so wirklich. Okay, vielleicht steigt dieses Jahr tatsächlich eine Mannschaft aus Hamburg auf. Oder wenigstens aus Stellingen. Aber dafür muss man erst einmal den Relegationsplatz erreichen. Und danach diese Relegation auch noch erfolgreich bestreiten und selbst falls man in den letzten Jahren in der Freien und Hansestadt eine gewisse Routine für diese Bonusspiele entwickelt hat, stellt die Relegation jetzt statistisch nicht unbedingt eine Riesenchance für Zweitligisten dar. In den letzten 10 Jahren hat es gerade mal ein Verein geschafft über die Relegation aufzusteigen. Das war Union Berlin 2019 und seitdem hat Berlin tatsächlich zwei Eisen im Erstligafeuer. Seit fünf Saisons hat Hamburg dafür das Abo auf spannende Stadtderbys – nur leider nicht ganz oben. In diesem Jahr lässt man sich offensichtlich von Darmstadt und Heidenheim abhängen. Das nagt schon ganz schön am natürlichen Selbstverständnis der Großstädter. Gut, dass das OMR-Festival diese Woche gezeigt hat, dass Hamburg immer noch sehr wichtig ist. Dieses Jahr waren dort 70.000 Zuschauer. Das sind 20.000 Leute mehr als Heidenheim Einwohner hat. Die digitale Champions League der Onlinemarketingprofis und Content Creator hat somit in großer Zahl schon einmal St. Pauli das Gefühl geben können, wie sich ein Aufstieg im Viertel anfühlen würde. Ob dann auch Boris Becker, Jeremy Fragrance oder Luisa Neubauer kommen würden, ist unwahrscheinlich. Aber die Kreativagenturen würden bestimmt mit einigen Espresso-Martinis feiern. Kopfgrätsche liefert auch heute verlässlich freshen digitalen Content, um euch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 wieder zu spannenden Sessions auf die Red Stage zu locken. Die Seats für die Master Class sind allerdings streng limitiert wie Erstligalizenzen und heiß begehrt. Ein Recording des Events, das man in doppelter Geschwindigkeit relive snacken kann, wird diesmal nicht angeboten.      

Königstransfer

Kann man dieses Wochenende irgendwo Fußball sehen? Nö, ich frag ja nur, weil das letzte mal als was bei den Royals passierte, waren sämtliche Sender dieses Landes im Livestream dabei. Und in England hatten sie sogar ganz die Lederarbeit eingestellt. Offensichtlich fällt den Insulanern Multitasking doch eher schwer. Natürlich bindet eine Großveranstaltung im Königshaus auch einen Großteil der Uniformträger, so dass man wahrscheinlich auch bei Briefträgern und Pizzaboten etwas geduldiger sein muss. Die Premier League gönnt sich vielleicht deshalb am Krönungstag nur ein Spiel in London. Tottenham gegen Crystal Palace ist dabei wohl auch eines der entspannteren Derbys, die man haben kann. Da sollten ein paar Fahrradpolizisten ausreichen, so dass alle Pferde, die gerade in London sind, morgen zur Krönung dürfen. (Hier Camilla-Gag einfügen.) Der Lieblingsclub des Königs Burnley FC spielt erst am Montag (ganz zufällig am zusätzlichen Feiertag) und hat sich sowieso frühzeitig zum Champion der zweiten Liga gekrönt. Charles Mutter war angeblich Fan des FC Arsenal, der sich wahrscheinlich doch nicht dieses Jahr zum Überraschungsmeister küren kann. Aber immerhin in Italien gibt es nach 33 Jahren einen unerwarteten Champion, der einen anderen berühmten Toten glücklich machen sollte. Der SSC Neapel hat es tatsächlich geschafft die Clubs aus Mailand, Rom und Turin abzuhängen. Napoli und Diego mussten gefühlt ewig auf diesen Moment warten. Das Gefühl kann Charles gut nachvollziehen. Er ist bei seiner Krönung schließlich 12 Jahre älter als Maradona überhaupt wurde. Dieser wiederum wurde kurioserweise in dem Jahr geboren als Burnley das letzte englischer Meister war. So dass Diego tatsächlich die letzten Titel von Burnley und Neapel verpasst hat. Alle Nicht-Royalisten und Nicht-Pferdefans verpassen Samstag 10:30 (wie auch Mittwoch 18:00) zum Glück kaum etwas, weshalb sie beruhigt Kopfgrätschen können. 

29. April 2023 – „Das war mein letztes Spiel“

… sagte Atabek kurz nach diesem #Kopfgrätsche-Foto. Atabek ist der junge Mann im gelb-blauen Fenerbahçe-Trikot und dem New-York-Yankees-Basecap. Er hat seit etwa einem Jahr immer mal wieder bei uns mitgespielt. Immer freundlich, immer bescheiden. Er hat vorsichtig Deutsch gesprochen und wurde immer besser. Auch in der Stadt sind wir uns öfter begegnet, wo er versuchte durch Aushilfsjobs über die Runden zu kommen. Jetzt wird er abgeschoben. Nach Polen, weil er dorthin vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet ist. Er selbst ist kein Ukrainer und muss nun in ein Land, welches er gar nicht kennt.

Auf Wiedersehen Atabek. Bis bald.

Das Märchen vom Sternzahler

Was man sich jahrelang mit der Formulierung „War’s das für…“ zu Donald Trump fragte, fragt man sich seit geraumer Zeit zu Twitter. Der neuste Sargnagel war dann wohl letzte Woche fällig, als die blauen Haken verschwanden, mit denen die Twitter-Prominenz bis dato gekennzeichnet und diese nur noch an Bezahlkunden verteilt wurden. Im Fußball wäre das vergleichbar mit der Situation, wenn Aki Watzke als Liga-Chef sagen würde: „Das ist mir egal wie oft du Meister geworden bist, lieber Uli. Ab jetzt bezahlst du gefälligst für die Sterne auf dem Trikot.“ Und nicht nur für die Bundesliga wäre das eine willkommene Einnahmequelle. Nein, auch die Fifa könnte, wenn sie denn an Geld interessiert wäre, die Weltmeistersterne, nur gegen Geld rausgeben. Zuletzt mussten die Argentinier aufgrund unerwarteten sportlichen Erfolgs ihr Wappen aktualisieren und alle Landsleute waren im Zugzwang, ein neues Trikot zu erstehen. Gerade bei der wirtschaftlich angespannten Situation von Argentinien nicht gerade verantwortungsvoll von Messi & Co. Aber von diesem Update hat die Fifa überhaupt nichts und hätte sie nicht mehr daran verdienen können, wenn sich eine solvente Nation wie z.B. Katar einen Stern kauft? Falls man keine Sterne mag, kann es ja auch etwas anderes sein. Ein Mond, ein Anker, ein Herz … der DFB hätte auf diesem Weg vielleicht sogar eine One-Love-Botschaft ins Stadion bringen können. Jeder nur ein Kreuz? Quatsch, wenn du dafür bezahlst, darfst du dir sogar mehrere nehmen. Wofür dieser neue Symbolismus zu gebrauchen ist, außer um damit Geld zu verdienen, ist am Ende nicht mehr wirklich nachzuvollziehen. Ein käufliches Erkennungszeichen ist auch nur wie ein käufliches Trikot. Du kannst es gerne tragen, aber jeder ahnt, dass du Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) nicht mit Messi-Skills bereichern wirst. Deshalb ist die Teilnahme bis jetzt kostenlos.        

Olli, Scholli, Lollipop

Die Bilder vom zerknirschten Oliver Kahn gab es in den letzten Tag doch häufiger zu sehen. Und das ganz ohne den Einsatz von Midjourney. Sicher hat der Titan im Laufe seiner Karriere schon genug Ikonografisches abgeliefert, aber das letzte mal, dass er so grüblerisch zu sehen war, muss schon fast 15 Jahre her sein. 2007 beendete sein langjähriger Teamkamerad Mehmet Scholl seine Karriere mit einem Abschiedsspiel des FC Bayern gegen den FC Barcelona und einer anschließenden Party. Dort waren nicht nur alle Großkopferten wie Beckenbauer, Rummenigge, Hoeneß und Stoiber eingeladen. Natürlich waren auch Scholls Mitspieler vor Ort und einige befreundete Bands, weil Scholl zu dieser Zeit ein Projekt mit einigen CD-Veröffentlichungen pflegte. Vor dem Spiel ist nach dem Spiel: Mehmet Scholl kompiliert – Volume 1 und 2 sind bei Medimops für 1 bis 2 Euro zu haben. Deshalb ließ er es sich nicht nehmen an diesem Abend in München eine seiner Lieblingsbands The Hidden Cameras auf die Bühne zu holen. Einerseits natürlich weil er die Musik von Joel Gibb und seinen Boys selbst ziemlich feierte. Aber andererseits auch, weil er als alter Agent Provocateur die Gesichter seiner Kollegen sehen wollte, wenn die queere Band in Lederhosen mit ihrem unverschämt eingängigen Gay Church Folk Rock die Bühne der Münchner Reithalle statt den CSD zum Wackeln bringt. „Wir werden ja sehen, wie die reagieren“, feixte Mehmet schon vor dem Auftritt. Für die Tanzeinlagen muss er neben den maskierten Gogo-Boys dann natürlich fast alleine sorgen. Uli Hoeneß holt früh seinen Mantel. Olli Kahn macht dieses schmallippige Gesicht und das wird im Verlaufe des Abends sicher nicht besser als die Sportfreunde Stiller auftreten und ihn daran schmerzhaft erinnern müssen, wo er die WM 2006 hauptsächlich verbracht hat. Egal, ob ihr Samstag (10:30) oder Mittwoch (18:00) gewinnt oder verliert – am Ende werden schon alle lächeln auf den Fotos. Dafür sorgt zur Not Midjourney.