Vor dem eigenen Kopfgrätschen am Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 wissen wir natürlich noch nicht, ob die deutsche Mannschaft es durch das Viertelfinale am Freitag und das mögliche Halbfinale am Dienstag geschafft hat und bereits Finalist ist. Was wir aber bereits wissen: wenn wir heute ausscheiden, ist Robert Andrich schuld. Er hat leider das unumstößliche Gesetz gebrochen, dass man sich während eines Turniers auf gar keinen Fall eine extravagante Frisur machen darf, wenn man im Turnier bleiben möchte. Andrichs Frise war vorher schon schlimm genug, nun hat er aber für alle mit einer unübersehbaren Neon-Kopfgrätsche in Team-Telekomfarbe sichtbar gemacht, dass er möglichst zeitnah nach Hause möchte, um nichts von der Tour de France zu verpassen. Die Turniergeschichten sind voll von ähnlichen Fällen. Erst am Dienstag hat Sabitzer mit seinen Cornrows den sicheren EM-Titel für Österreich weggeworfen, weil er unbedingt auf eine Casting-Einladung für Boyz n the Hood 3 hoffte. Rund um das Achtelfinalspiel gegen die Türkei gab es allerdings so viele andere Aufreger, so dass ihm immerhin niemand kulturelle Aneignung vorwerfen konnte. 2016 musste Ivan Perisic unbedingt im Achtelfinale gegen Portugal mit der kroatischen Flagge in der Frisur auflaufen. Kurz vor Ende der Verlängerung erlöste Quaresma Portugal und uns alle von diesem Coiffeur-Verbrechen. Vielleicht hatte Perisic uns nur sagen wollen, dass für ihn Fußball wie Schach auf einem rot-weißen Schachbrett nur ohne Würfel ist. Die Nationalfarben wollte auch Christian Ziege 2002 in seinem Irokesen durchs Turnier tragen. Zum Titel reichte das zurecht nicht. Zusammengefasst müssen wir sagen: wir haben nur noch eine Restchance, wenn sich Cucurella einen Edgar schneiden lässt oder Rodri uns mit der neuen Frisur von Fabian Hürzeler überrascht. Leider trägt Rodri eine Standardfrisur aus den Achtzigern, hat keine Tattoos, kein Social Media und liest sogar mal ein Buch. Er und Andrich treffen sich heute Abend im Mittelfeld. Wahrscheinlich wird er einfach nur enttäuscht seinen langweiligen Kopf schütteln und uns ohne Nachtisch in den Urlaub schicken.
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Mein Freund der Turnierbaum
Da ist die EM-Gruppenphase schon wieder vorüber und damit auch schon das Gros der Spiele. Viele Punkte gibt es also in den Tippspielen nicht mehr zu holen. Und dabei ist man gerade jetzt einigermaßen wieder im Mathematikstoff der dritten Klasse angekommen. Was ist das am Ende der Vorrunde aber auch für eine wilde Rechnerei. Erinnerungen an schlimme Textaufgaben werden wach, die man am Ende dennoch falsch hatte, weil man den UEFA-Koeffizienten nicht durch die gelben Karten bei den letzten drei Turnieren geteilt hatte. Dabei ist das die Stunde der Fußballnerds, die als Einzige auf der Fanmeile darum wissen, dass das nächste Tor überhaupt nicht gut für den Turnierbaum ist. Während alle anderen bierselig und naiv sich einfach über Tore freuen, rechnet der Kenner sorgenvoll durch, dass uns jede weitere Bude irgendwann auf die Füße fällt. Selbst wenn man die cleverste Berechnung seit Oppenheimer mit allen Dummköpfen auf der Fanmeile teilt, was nützt es, wenn diese Mindblow-Info nicht bei Niclas Füllkrug ankommt? Für die kurzfristige Stimmung mag so ein Tor ja wichtig sein, aber man muss doch auch mal an unsere Position im nächsten Lostopf für die Nations League denken. Am Ende landen wir in einer Todesgruppe und man ist ja nicht Österreich, das solche Gruppen einfach und unbeschwert gewinnt. Die Alpenkicker konnten sich aber auch jahrelang in den Redbull-Akademien und Leipzig gemeinsam einspielen. Da sieht man mal wie man mit dem nötigen Weitblick langfristig ans Ziel kommt. In der KO-Phase des Turniers ist die Rechnerei allerdings fast wieder vorbei. Wer unter Entzug leidet, kann natürlich die Elfmeterstatistiken aller potentiellen Schützen auswendig lernen und mit dem Insiderwissen, dass Ronaldo von seinen letzten 192 Elfmetern 163 verwandelt hat, alle Umstehenden ins Koma nerven. Hauptsache man wendet dieses „Fachwissen“ nicht bei den Tippspielen an. Der letzte Platz ist sonst gewiss. Beim Kopfgrätschen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 kann man erstklassig den Entzug vom sinnlosen Statistikporn üben. Jedes Tor ist nur ein Tor. Manchmal werden sie gezählt, manchmal aber auch vergessen und am Ende entscheidet das Letzte.
Der Bewegtbild- und Wortmann
Kann sich noch jemand an 2008 erinnern? Na gut, an 2006 können sich die meisten einigermaßen erinnern, weil Sönke Wortmann das auf Video aufgenommen hat, bevor er anfing nur noch Remakes von französischen Erfolgskomödien mit Christoph Maria Herbst und Florian David Fitz nachzudrehen. 2008 war wohl angeblich ein Jahr, in dem Werder Bremen das letzte mal vor dem letzten Sonntag gegen die Bayern gewann. Mein Gott, da gab es noch nicht einmal 4K und die Bilder waren 4:3, oder Sönke? Die meisten aus dem aktuellen Werder-Kader wuchsen gerade aus ihren ersten Fußballschuhen raus, die sie Weihnachten 2007 von Oma geschenkt bekommen hatten. Aus der Zeit findet man nur ganz schwer Kopfgrätsche-Aufnahmen. Christoph (quasi unser Sönke Wortmann) hat garantiert welche gemacht, aber man muss schon ganz schön weit scrollen dafür. Und vermutlich müssen die ganz alten Dinger erst einmal restauriert werden, da die Fotos seit dem letzten Website-Umzug ganz unten in der Fototasche liegen. Im schlimmsten Fall müssen wir noch einmal neue Abzüge von den Negativen machen. Kreuzt mal auf der Tasche an, was ihr in welchem Format entwickelt haben wollt. Und nicht vergessen, ob glänzend oder matt. 2008 gab es nicht einmal ein DIA-Turnier. Zwischen Reich und Schön 2007 und CMYK 2009 liegt ein Jahr, in dem maximal die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz und die Seebühne in Bregenz mit Johannes B. Kerner, Urs Meier und Jürgen Klopp am Kloppomaten in Erinnerung bleiben. Nach dem Turnier heuerte Klopp beim Tabellendreizehnten Borussia Dortmund an und Sönke Wortmann drehte Die Päpstin. Wir machen Samstag 10:30 ein Spiel, an dessen Ende wir hoffentlich noch ein Zeitdokument für die Menschen im Jahr 2040 erstellen. Wir möchten uns schon jetzt dafür entschuldigen, dass es nicht 32K ist.
Junger Mann zum Mitscheitern gesucht
Die letzten Länderspiele des Erfolgsjahres 2023 sind absolviert und wahrscheinlich hatte Olli Bierhoff, damals als er noch am Steuerrad der MS Deutschland stand, gedacht: das Jahr beenden wir on the Road to Euro 2024 schön im Ernst-Happel-Stadion am Wiener Prater. Die Weihnachtsmärkte warten schließlich noch darauf, dass der Totensonntag vorbei geht oder vielleicht sogar auf die erste Schneeflocke. Aber im Prater bekommt man schon früher seine Eitrige oder oan Langos. Man muss zwar etwas vorsichtig sein mit der Schwammerlpfanne bevor man aufs Riesenrad geht, aber sonst kann man eine Menge Spaß haben. Am Ende ging aber auch dieser Plan nicht auf und Leroy Sané wähnte sich in der zweiten Halbzeit immer noch beim Autoscooter. Vermutlich hatte die Mannschaft schon ihr gesamtes Pulver an der Schießbude verballert, um Plastikblumen und markenrechtlich bedenkliche Plüschtiere, die durch die TÜV-Rheinland-Prüfung gefallen sind, mit nach Hause zu bringen. Kevin Trapp hätte schon, als er am Greifautomaten vergeblich versuchte brandneue iPads zu angeln, ahnen können, dass er an diesem Abend nichts festhalten wird. Der Rest spielte leider so als ob die an der Jagertee-Bude tatsächlich irgendwas in den Kinderpunsch gemixt hatten. Am Ende guckte Julian wie jemand, der im Spiegelkabinett in den trüben Hansi-Flick-Spiegel geblickt hatte. Nicht einmal in der Geisterbahn hatte er ein brauchbares Verteidigungsmonster gefunden. So langsam bereut er wahrscheinlich, auf den knittrigen DFB-Zettel „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ reingefallen zu sein. Wir halten Samstag 10:30 schön die natürliche Reihenfolge ein und holen uns auf dem winterlichen Platz die Berechtigung, um uns dann ab Montag auf dem Weihnachtsmarkt für unsere „Leistung“ zu belohnen. Im Idealfall ist dann unsere komplette Energie auf dem Spielfeld geblieben, so dass wir weder Achterbahn noch Autoscooter vermissen. Ich schmeiß derweil noch ein paar Euro in den Greifautomaten. Dieser verflixte Plüsch-EM-Pokal muss doch beim nächsten mal zu packen sein.
Rolling and Schilling
„Kommt ein Mann in die Vierzig…“ wer hier sofort mitsummt, hat einmal zu viel den Fußballklassiker der DEFA „Nicht Schummeln, Liebling!“ geschaut. Andere werden verzweifelt jammern, dass sie auf diesem Wege schon wieder genichtschummelnlieblingt wurden. Das Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00)-Äquivalent zum Rickrolling. Ja genau, dieser fiese 80er-Ohrwurm, den die Männer um die Vierzig schon in ihrer Kindheit ertragen mussten. Im Alter wechseln sie deshalb gerne mal in eine sogenannte Operettenliga. Was früher eigentlich bedeutete, dass man seine Karriere in Österreich beim Viervierteltakt in drolligen Stadien mit Fans, die mehr vom Wintersport verstehen, ausklingen ließ. Dafür reichte es meist noch, aber international war es unter den großen Ligen also der Oper anzusiedeln. Heute geht man für den letzten dicken Gehaltsscheck natürlich nicht mehr nach Österreich. Die Frage: „Woas moachd dös in Schilling?“ hat man lange nicht mehr gehört. Woanders gibt es schließlich Dollar oder Saudi-Riyal. Messi und Benzema unterschrieben für einige dieser Scheinchen in Ligen, die man bei der Fußballmusik eher mit dem Musical vergleichen kann. Für das passende Geld von Disney singt Lionel Rich eventuell sogar „Let it go“ oder „Die Sonne kommt immer wieder“. Je nach Wunsch. All das hat Zlatan nicht nötig. Bei ihm war der Abschied schon ein derartiges Gefühlsbonzentreffen, das danach quasi nichts mehr kommen kann. Die Rolle im Asterix-Film kann er schließlich schon von der Bucketlist streichen. Aber wer weiß. Aus der Nationalmannschaft ist er auch gefühlt 15mal zurückgetreten und hat sich trotzdem zu 121 Länderspielen für die ESC-Champion-Nation herabgelassen. Wenn die Umstände stimmen, legt er sich vielleicht doch noch mal für einen Roundhousekick zu den Takten von Mamma Mia! (here I go again) in die Strafraumluft. Never gonna give you up, Zlatan!