Junger Mann zum Mitscheitern gesucht

Die letzten Länderspiele des Erfolgsjahres 2023 sind absolviert und wahrscheinlich hatte Olli Bierhoff, damals als er noch am Steuerrad der MS Deutschland stand, gedacht: das Jahr beenden wir on the Road to Euro 2024 schön im Ernst-Happel-Stadion am Wiener Prater. Die Weihnachtsmärkte warten schließlich noch darauf, dass der Totensonntag vorbei geht oder vielleicht sogar auf die erste Schneeflocke. Aber im Prater bekommt man schon früher seine Eitrige oder oan Langos. Man muss zwar etwas vorsichtig sein mit der Schwammerlpfanne bevor man aufs Riesenrad geht, aber sonst kann man eine Menge Spaß haben. Am Ende ging aber auch dieser Plan nicht auf und Leroy Sané wähnte sich in der zweiten Halbzeit immer noch beim Autoscooter. Vermutlich hatte die Mannschaft schon ihr gesamtes Pulver an der Schießbude verballert, um Plastikblumen und markenrechtlich bedenkliche Plüschtiere, die durch die TÜV-Rheinland-Prüfung gefallen sind, mit nach Hause zu bringen. Kevin Trapp hätte schon, als er am Greifautomaten vergeblich versuchte brandneue iPads zu angeln, ahnen können, dass er an diesem Abend nichts festhalten wird. Der Rest spielte leider so als ob die an der Jagertee-Bude tatsächlich irgendwas in den Kinderpunsch gemixt hatten. Am Ende guckte Julian wie jemand, der im Spiegelkabinett in den trüben Hansi-Flick-Spiegel geblickt hatte. Nicht einmal in der Geisterbahn hatte er ein brauchbares Verteidigungsmonster gefunden. So langsam bereut er wahrscheinlich, auf den knittrigen DFB-Zettel „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ reingefallen zu sein. Wir halten Samstag 10:30 schön die natürliche Reihenfolge ein und holen uns auf dem winterlichen Platz die Berechtigung, um uns dann ab Montag auf dem Weihnachtsmarkt für unsere „Leistung“ zu belohnen. Im Idealfall ist dann unsere komplette Energie auf dem Spielfeld geblieben, so dass wir weder Achterbahn noch Autoscooter vermissen. Ich schmeiß derweil noch ein paar Euro in den Greifautomaten. Dieser verflixte Plüsch-EM-Pokal muss doch beim nächsten mal zu packen sein.

Aber bitte mit Schlagsané

In Zeiten, in denen sich Fußballmannschaften sehr gern an der Erfolgsserie Ted Lasso orientieren, scheint es so als ob Sieg oder Niederlage kurzfristig gar nicht so wichtig sind. Fast so wie beim Kopfgrätschen (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) oder wie früher beim FC St. Pauli, bevor sie anfingen eine endlose Siegesserie zu starten. Der Ted-Lasso-Effekt ermöglicht Siege für die Menschlichkeit. Da behält man seinen Trainer auch gerne mal in längeren Saure-Gurken-Zeiten wie Arsenal Mikel Arteta, weil man dem Process trusted. Und es gilt als Erfolg, wenn junge Menschen es schaffen, die beste Version von sich selbst zu werden. Dafür braucht man einen unerschütterlichen Believe, auch wenn man empfindliche Niederlagen auf dem Platz einstecken muss. Die Chance auf eine Revanche kommt irgendwann. Dafür muss man allerdings ziemlich geduldig sein. Und nachdem der FC Bayern schon vorletzte Woche gezeigt hat, dass er wenig Geduld hat irgendeinem Process auf der Trainerbank zu trusten, geht es auch auf dem Platz und in der Kabine inzwischen so zu wie man es als Nostalgiker sonst nur in Bayern Classics aus den Neunzigern erlebt hat. Als noch der Sky-Experte Matthäus mit Lizarazu die besten Szenen aus Michalczewski gegen Rocchigiani öffentlich nachstellte. Oder als der aktuelle CEO Hälse anknabberte und in Bruce-Lee-Manier durch den Strafraum flog. Oder als die jetzigen scharfen Doppelpass-Richter für Affären mit Pizzerien, Obdachlosen oder ausgespannten Spielerfrauen sorgten. Eben diese müssen sich heute damit auseinandersetzen, wenn aktive Kicker nach dem Spiel unsportlich jubeln oder eigene Episoden von Schlag den Star aufführen. All das zahlt aber ganz im Sinne eines ehemaligen US-Präsidenten darauf ein, dass die BILD-Titelseite, die Klickzahlen und die Sendezeiten beständig mit Combat gefüttert werden. Und nur so manifestiert man einen Branchenprimus-Status. Die beste Version von sich selbst? Das versucht ChatGPT auch. Viel Glück dabei.       

Meine Wahrheit in 324 Worten

Der Wecker hat geklingelt und das bedeutet: die Zeit ist um. Die Deadline ist abgelaufen. Niemand kann mehr zum Sehnsuchtsort Premier League wechseln und die Insel ist ein weiteres mal isoliert. Und wie jedes Jahr wurden gefühlt nur 5-10% der Transfers wirklich getätigt, die Twitter und Transfermarkt.de den Club-Managern als Hausaufgaben mitgegeben hatten. Und das liegt nicht an der Transfersperre des FC Chelsea. Nach den Gerüchten hätte die Premier League mindestens 10.000 statt der aktuell 552 (Quelle: Transfermarkt.de) Spieler unter Vertrag haben müssen. Davon dürfen an jedem Spieltag sogar bis zu 280 also quasi die Hälfte mitspielen. D.h. die Premier League ist voll wie der Platz am Kagenmarkt und es bleibt eine Menge übrig, die sich Mittwoch 18:00 bei uns fithalten darf. Das gute ist: uns ist es egal, ob jemand Flüssigkeit im Knie hat oder die Bänder schon etwas morsch sind. Wir warten auch nicht auf exklusive Dominosteine, obwohl die spätestens in 3 Wochen bei Aldi im Regal stehen. Wir schreiben uns auch keine langen Entschuldigungsbriefe mit Manchester City. Wer kennt sich außer Ich-habe-kein-Email-Uli schon beim aktuellen Porto aus? Nein, wir sind nicht wählerisch und schicken unsere Entschuldigungen und Kettenbriefe ans gesamte Adressbuch: „Behaltet, o alte Lande, euren sagenumwobenen Prunk. Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren.“ (Quelle: The New Collosus, Ellis Island, NY)

Oder in der etwas neueren Version von Thees Uhlmann:

Bring mir die Söhne von allen Huren und Nutten.
Bring mir die Fiebrigen und die Kaputten.
Bring mir die Dicken und bring mir die Sünder,
Die ohne Hoffnung sind, hungrige Münder.

Gib mir Funken und Flammen, um zu brennen.
Gib meinen Lungen Luft, um zu rennen.
Es sind harte Zeiten, um alleine zu stehen,
Doch harte Zeiten werden kommen & harte Zeiten werden gehen.

An allen Städten und Plätzen und Orten
Ist meine Wahrheit in 17 Worten:
Ich hab‘ ein Kind zu erziehen
Dir einen Brief zu schreiben
Und ein Fußball-Team zu supporten.

Wenn Sie wüssten, wann wir sicher kopfgrätschen

Der Samstag ist der neue Ruhetag? Mir hat die Aussage nicht gefallen. Da mache ich keinen Hehl draus. Wir haben mit Kopfgrätsche ein sehr gutes Verhältnis. Die Spieler, die bei anderen Freizeitaktivitäten gebunden sind, müssen wir so respektieren. Das ist im Übrigen auch eine FIFA-Vorgabe. Ich habe immer in den letzten Wochen gesagt, ich gebe keine Wasserstandsmeldung ab. Das werde ich heute auch nicht tun. Alle müssen Geduld haben. Weder optimistische noch pessimistische Aussagen helfen uns da. Wir müssen unseren Job am Mittwoch 18:00 Uhr machen. Wenn wir alle hier unseren Job machen, dann muss Micha nicht rufen: „Mach deinen Job!“ und wir werden in diesem Jahr auch eine erfolgreiche Saison haben. Wir sind natürlich alle gut beraten, nicht über andere Spieler zu sprechen, die auf anderen Plätzen stehen. Das ist ganz wichtig, dass wir das in Zukunft alle tun. Deswegen hat es der Vorstandsvorsitzende auch gesagt. Ich hoffe natürlich, dass wir das alle verinnerlichen. Es ist natürlich so, dass man sich einfach auch bei Kopfgrätsche entschuldigen muss, dass jetzt über die ganze Zeit über Spielzeiten gesprochen wurde. Jetzt sind wir alle gut beraten, nichts mehr zu der Sache zu sagen und nach außen und nach innen erst mal Ruhe zu bewahren. Ich glaube, dass es grundsätzlich auch wichtig ist, wie ich schon gesagt habe, dass keiner mehr über irgendwelche Spieler spricht, die nicht auf dem Platz stehen. Hab ich auch nicht gemacht, nur einmal. Normalerweise sprechen wir uns ab. Und es ist ja auch wichtig, dass wir das in der nächsten Zeit tun. Es sind jetzt natürlich ein paar Aussagen getätigt worden, die nicht gut waren, aber das werden wir in Zukunft besser machen müssen. Medienberichte vom heutigen Tage, mit dem Inhalt, dass sich Kopfgrätsche für einen Wechsel auf den Kagenmarktplatz entschieden hätte, entsprechen nicht der Wahrheit.

Bilderstürmer im Passepartout

Hefte raus! Klassenarbeit! Heute: Bildinterpretation. Hoffentlich rächt sich jetzt nicht, dass ich vor 17 Jahren die Kunstgeschichte-Vorlesung am Mittwochnachmittag geschwänzt habe, um Fußball zu spielen.

Technik: Tinte auf Haut. Eher mit dem groben Füller, aber das schränkt den Detailreichtum nicht wirklich ein. Bei diesem Machwerk in bester Tübke-Tradition gibt es eine Menge zu gucken. Stilistisch haben wir es hier mit einem Grenzgänger zwischen neuem Realismus, Symbolismus und Streetart zu tun, wenn wir Leroy Sané die Kategorie Straßenfußballer zugestehen. Ob man den ehemaligen Schalker wirklich als neuen Meister werten soll, ist allerdings mehr als umstritten. Dafür sitzt er noch zu häufig auf dem Banksy. Aber was will uns der Künstler nun damit sagen? Wir sehen den Menschen im Bildmittelpunkt. Er jubelt uns zu. Oder jubeln wir ihm zu? Er trägt seine Arbeitskleidung und hat anscheinend Spaß dabei, obwohl sein Brötchengeber als turbokapitalistischer Menschenschinder bekannt ist, der von ihm auch abends vollen Arbeitseinsatz erwartet. Hinter der Darstellung des Flutlichts im Hintergrund zeichnet sich im Stile Caspar David Friedrichs die nächtliche allegorische Landschaft ab. Wohl auch deshalb ließ der Künstler posthum das Firmenlogo entfernen. Bleiben durfte die Signatur des Ausrüsters, der Sané in warme Kleidung hüllt und dem seine wahre Loyalität gehört. Auch wenn es zukünftig Kalle Rummenigge zu einer Stilkritik provozieren könnte. Mit der 44866 hat der Künstler hier die Postleitzahl von Wattenscheid versteckt, für den Fall, dass er sein Adressbüchlein verliert. In dieser Verlustangst hat er aber nicht bedacht, dass die Nummer spiegelverkehrt die Postleitzahl von Landstuhl in Rheinland-Pfalz ergibt. Diesem Verlorensein in der Provinz stellt der Künstler das Zifferblatt einer Uhr entgegen. Die Zeiten Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 versuchen sogar die Dalí-Experten bisher erfolglos zuzuordnen. Darunter sind noch ein paar religiöse Motive angehängt, die als übliche romantische Huldigung des Fußballgotts gewertet werden müssen. Runge hätte es nicht besser hingekriegt. Alles in allem eine runde Sache, die auch zukünftig Spitzenpreise auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen wird, wenn die namhaften Kunstsammler noch Geld übrig haben. Die Tattoos auf Neymar zählen zwar eher zur naiven Malerei, aber darauf ist eindeutig der Champions-League-Pokal zu erkennen. Und das treibt natürlich am Ende den Preis in die Höhe.