Hefte raus! Klassenarbeit! Heute: Bildinterpretation. Hoffentlich rächt sich jetzt nicht, dass ich vor 17 Jahren die Kunstgeschichte-Vorlesung am Mittwochnachmittag geschwänzt habe, um Fußball zu spielen.
The tattoo. It took two „long days“ to do, four days in total. pic.twitter.com/ypDPLUrp1o
— Sam Lee (@Sammy_Goal) 25. Juli 2017
Technik: Tinte auf Haut. Eher mit dem groben Füller, aber das schränkt den Detailreichtum nicht wirklich ein. Bei diesem Machwerk in bester Tübke-Tradition gibt es eine Menge zu gucken. Stilistisch haben wir es hier mit einem Grenzgänger zwischen neuem Realismus, Symbolismus und Streetart zu tun, wenn wir Leroy Sané die Kategorie Straßenfußballer zugestehen. Ob man den ehemaligen Schalker wirklich als neuen Meister werten soll, ist allerdings mehr als umstritten. Dafür sitzt er noch zu häufig auf dem Banksy. Aber was will uns der Künstler nun damit sagen? Wir sehen den Menschen im Bildmittelpunkt. Er jubelt uns zu. Oder jubeln wir ihm zu? Er trägt seine Arbeitskleidung und hat anscheinend Spaß dabei, obwohl sein Brötchengeber als turbokapitalistischer Menschenschinder bekannt ist, der von ihm auch abends vollen Arbeitseinsatz erwartet. Hinter der Darstellung des Flutlichts im Hintergrund zeichnet sich im Stile Caspar David Friedrichs die nächtliche allegorische Landschaft ab. Wohl auch deshalb ließ der Künstler posthum das Firmenlogo entfernen. Bleiben durfte die Signatur des Ausrüsters, der Sané in warme Kleidung hüllt und dem seine wahre Loyalität gehört. Auch wenn es zukünftig Kalle Rummenigge zu einer Stilkritik provozieren könnte. Mit der 44866 hat der Künstler hier die Postleitzahl von Wattenscheid versteckt, für den Fall, dass er sein Adressbüchlein verliert. In dieser Verlustangst hat er aber nicht bedacht, dass die Nummer spiegelverkehrt die Postleitzahl von Landstuhl in Rheinland-Pfalz ergibt. Diesem Verlorensein in der Provinz stellt der Künstler das Zifferblatt einer Uhr entgegen. Die Zeiten Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 versuchen sogar die Dalí-Experten bisher erfolglos zuzuordnen. Darunter sind noch ein paar religiöse Motive angehängt, die als übliche romantische Huldigung des Fußballgotts gewertet werden müssen. Runge hätte es nicht besser hingekriegt. Alles in allem eine runde Sache, die auch zukünftig Spitzenpreise auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen wird, wenn die namhaften Kunstsammler noch Geld übrig haben. Die Tattoos auf Neymar zählen zwar eher zur naiven Malerei, aber darauf ist eindeutig der Champions-League-Pokal zu erkennen. Und das treibt natürlich am Ende den Preis in die Höhe.