Brazzo und der Fluch des Kahn

Nirgendwo ist der Aberglaube größer als in der katholischen Kirche und im Fußball. Rituale sind wahnsinnig wichtig, um irrational und gegen jede Statistik das Glück zu überlisten. Dabei kann es sich der Fußballgott frei aussuchen, welcher Götzendienst ihn mehr anspricht und wohin er sein Füllhorn leitet. Und wenn er Bock darauf hat, dass ein Verein zehnmal hintereinander Meister wird, dann wird er seine Gründe dafür haben. Er darf dann vielleicht auch beim 11. möglichen Titelgewinn ganz subjektiv entscheiden, dass er diesen verhindert solange dieser blondgeföhnte Seuchenvogel mit der schlechten Laune dort auf der Tribüne sitzt. Die Leidenden werden mit der Aussicht bestraft, dass sie am Ende der Saison ihren Namen nicht in Metall gravieren dürfen. Da leitet er willkürlich das Füllhorn zum Tabellensechsten um und lässt ihn in Serie gewinnen bis sie den Typen entfernt haben, der tatsächlich seine Biografie „Ich – ein Buch über Erfolg“ genannt hat. Wie maximal blasphemisch kann man sein? Als ob Erfolg etwas mit Können zu tun hätte. Da der Fußballgott natürlich nicht spricht, sondern nur ab und zu die Signale aus dem Kölner Keller stört, muss man wahnsinnig viel herumprobieren bis man herausgefunden hat was ihm eventuell missfällt. Magst du den Trainer nicht? Oder den Sportdirektor? Sollen wir den Glückspulli wechseln? Oder den Busfahrer? Hilft es wenn wir noch ein drittes Sondertrikot für 120€ herausbringen? Gib uns doch ein Zeichen, oh Herr! Woran unsere Erfolgslosigkeit wirklich liegt, werden wir wohl nie erfahren. Dafür ändern wir zu oft das Setup. Es hilft nicht einmal, dass man immer das gleiche Waschmittel für die Leibchen nimmt. Die anderen Verhaltensmuster wechseln zu oft, obwohl es so simpel wäre, einfach Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 am Platz zu sein, um wenigstens schon mal herauszufinden, ob dem Fußballgott diese Anfangszeiten überhaupt gefallen. Oder ob er am Ende einen persönlichen abwegigen Spaß daran hat, Spieler für ihren Erfolg trainieren zu sehen? Es ist nichts auszuschließen bei diesem kranken Irren.        

Kom binnen en zoek het uit

Eindhoven? Wirklich? Da haben wir uns also wieder einmal ordentlich vertan. Brazzo holte zwar am Deadline Day alles was kurz vor dem Lockdown noch im Regal lag, inklusive einer Rolle Butterbrotpapier, einer Tüte Senf und Eric-Maxim Choupo-Mouting. Zwar hatte ihn Uli Hoeneß nur mal kurz für eine Flasche 4711 und etwas Bartöl zu Douglas geschickt, aber er hatte das wohl falsch verstanden. Uli war trotzdem erleichtert, denn immerhin hatte Brazzo nicht 47,11 Mio ausgegeben. Mario Götze muss er dennoch aus Versehen übersehen haben. So war am Ende auch der Weltmeistermacher selbst überrascht, dass er nun in eine Stadt zieht, die erst um 1900 durch eine Glühlampenfabrik wirklich erst den Dorfstatus ablegen konnte. Aber dort haben ja doch durchaus namhafte Kicker das rot-weiß-gestreifte Trikot getragen. Es hat sogar Ronaldo (den Dicken) schlank gemacht. Und auch Granaten wie Romario oder Ruud van Nistelrooy haben es genossen hier in jeden Spiel zwei bis drei Buden gegen Zwolle, Waalwijk oder Almelo zu erzielen. Das kann man MG19 nur wünschen. Ein anderer Deutscher hatte in Eindhoven nicht ganz so viel Glück. Die magere Torausbeute mag natürlich an seiner Position gelegen haben. Aber auch sonst machte Georg Koch als er 1997 aus Düsseldorf zur PSV wechselte nicht viele Spiele. Immerhin war eins in der Champions League dabei. Dennoch holen wir voller Vorfreude die orangenen Leibchen von der Leine und schwitzen sie Samstag 10:30 und Mittwoch 17:00 dunkelorange.

»Trio …äh Quartett«

Noch nie hat man auf das nächste Literarische Quartett so hingefiebert. Nicht, weil es das letzte mit Volker Weidermann als Marcel Reich-Ranicki sein soll – nein, aber die Menge der Bücher, über die die Bild gerade exklusiv schreibt, lässt Großes erwarten. Erst konnte man wochenlang intime Passagen aus der Aki-Watzke-Biographie erfahren, die jeder als Kloppo-Echte-Liebeserklärungen interpretieren musste. Das Gefühlsleben von Lucien Favre war daraufhin wochenlang von einem ungewöhnlichen Zögern und Zaudern geprägt. Word zählte in Akis Memoiren öfter den Namen Klopp als das Wort „ich“ in Olli Kahns Buch „ICH“. Das wurde vom Quartett auch bisher schändlich übergangen. Ähnlich wie andere Klassiker wie „Ich habs allen gezeigt“ (Stefan Effenberg), „Anpfiff“ (Toni Schumacher) oder der schmuddelig-schwülstige Skandalroman „Alles“ von Bodo und Bianca. Aber an der Neuerscheinung von Mario Basler „Eigentlich bin ich ein Supertyp“ und der kommenden Uli Hoeneß Biographie „Der Brazzo ist ein noch viel größerer Supertyp“ können Christine Westermann und Thea Dorn unmöglich vorbeigehen. Auch wenn es natürlich Schade ist, dass man nicht die Gesichter von Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler sehen kann, wenn Uli höchstpersönlich im Quartett anruft und sie auf Linie pöbelt. Vielleicht lädt er sich aber auch gleich selbst zur nächsten Sendung am Nikolaustag ein. Der Matthias Brandt kann doch ein anderes mal in Berliner Ensemble kommen. Der Telefonschreck vom Tegernsee könnte mich auch Samstag 10:30 vertreten, wenn er Lust hat. Lasst ihn nur bitte nicht die Elfmeter schießen.

Being Salihamidzic

Ich finde wir hatten bisher nur Topspiele. Top, top, top. Wir haben sie hergespielt. War gut. Richtig gut. Ob das auch ohne Ironie geht? Heute nicht. Über Probleme reden? Nein, nein, nein, lass mal. Heute kann man nicht analysieren. Das werden wir auch nicht. Einfach schnell abhaken. Ich bin froh, wenn wir uns irgendwann in die dritte Halbzeit retten. Ob man es diskutieren muss? Nein, geht nicht. Wir haben ein Riesenspiel gemacht. Nein lass mal, 10 Minuten waren gut. Haben Druck gemacht und haben Tore geschossen. Damit muss es auch erledigt sein. Jetzt konzentrieren wir uns auf Samstag 10:30. Die Freude wieder aufs Fahrrad zu steigen und auf eine Runde zum Platz zu strampeln. Auch morgen gilt: Ich bin einfach aus Freundlichkeit rausgekommen. Und jetzt könnt ihr mich auch wieder nach Hause gehen lassen. Okay? Wir werden zum Kopfgrätschen am Samstag, werden uns fürs Spiel vorbereiten, werden versuchen… Ach, komm! Bitte! Also das… Ja, ich hätte… Ich bin da. Aber einfach nur um da zu sein, weil das ist ähm…

Wenn Sie wüssten, wann wir sicher kopfgrätschen

Der Samstag ist der neue Ruhetag? Mir hat die Aussage nicht gefallen. Da mache ich keinen Hehl draus. Wir haben mit Kopfgrätsche ein sehr gutes Verhältnis. Die Spieler, die bei anderen Freizeitaktivitäten gebunden sind, müssen wir so respektieren. Das ist im Übrigen auch eine FIFA-Vorgabe. Ich habe immer in den letzten Wochen gesagt, ich gebe keine Wasserstandsmeldung ab. Das werde ich heute auch nicht tun. Alle müssen Geduld haben. Weder optimistische noch pessimistische Aussagen helfen uns da. Wir müssen unseren Job am Mittwoch 18:00 Uhr machen. Wenn wir alle hier unseren Job machen, dann muss Micha nicht rufen: „Mach deinen Job!“ und wir werden in diesem Jahr auch eine erfolgreiche Saison haben. Wir sind natürlich alle gut beraten, nicht über andere Spieler zu sprechen, die auf anderen Plätzen stehen. Das ist ganz wichtig, dass wir das in Zukunft alle tun. Deswegen hat es der Vorstandsvorsitzende auch gesagt. Ich hoffe natürlich, dass wir das alle verinnerlichen. Es ist natürlich so, dass man sich einfach auch bei Kopfgrätsche entschuldigen muss, dass jetzt über die ganze Zeit über Spielzeiten gesprochen wurde. Jetzt sind wir alle gut beraten, nichts mehr zu der Sache zu sagen und nach außen und nach innen erst mal Ruhe zu bewahren. Ich glaube, dass es grundsätzlich auch wichtig ist, wie ich schon gesagt habe, dass keiner mehr über irgendwelche Spieler spricht, die nicht auf dem Platz stehen. Hab ich auch nicht gemacht, nur einmal. Normalerweise sprechen wir uns ab. Und es ist ja auch wichtig, dass wir das in der nächsten Zeit tun. Es sind jetzt natürlich ein paar Aussagen getätigt worden, die nicht gut waren, aber das werden wir in Zukunft besser machen müssen. Medienberichte vom heutigen Tage, mit dem Inhalt, dass sich Kopfgrätsche für einen Wechsel auf den Kagenmarktplatz entschieden hätte, entsprechen nicht der Wahrheit.