Polonaise Blanqueuenese

Oho, jetzt kommt also nächste Woche schon der letzte Länderspielstopp vor ihr wisst schon was. Kann man aber noch unbedenklich gucken, oder? Es ist immerhin das traditionsreiche Turnier Nations League mit coolen Duellen auf Augenhöhe. Dabei führt die Reise von Hansi und Olli uns auch nach England, wenn nicht noch mehr Fußballspiele abgesagt werden, weil die Engländer Public Viewing anders übersetzen. Wenn man den Insulaner dieser Tage zu einer solchen Veranstaltung einlädt, stellt er sich sofort in die Kondolenz-Schlange am Queen-Sarg. Dabei beweist er beachtliches Stehvermögen. Die Heatmap zeigt eine violette Linie von der London Bridge flussaufwärts bis nach Lambeth und über die gleichnamige Brücke bis hin zur Westminster Hall. Das sind beinahe 4 Kilometer. Gestern Nachmittag waren es sogar mehr als sechs Kilometer. Auf Youtube kann man live das aktuelle Ende der Schlange verfolgen. Das sollte Hansi unbedingt in seine Videoanalyse vor dem Spiel in London mit einbeziehen. Rein statistisch müssten auch einige Nationalspieler in der Schlange markiert werden können und wenn man nicht aufpasst, lassen die sich am Ende gegenseitig vor. Aber das ist nicht gewiss. Für Engländer ist das Stehen in Schlangen angeblich oft viel amüsanter als das eigentliche Ziel. Das haben sie sich immerhin über Jahrzehnte beim Fußball antrainiert. In dieser Wartezeit findet man neue Freunde und lädt sich gegenseitig zu heißem braunen Wasser ein. Dieses Konzept klingt eigentlich nicht schlecht und vielleicht sollte man auch in diesem Fall darauf setzen, dass die Engländer ein weiteres mal unser Vorbild für eine auf den ersten Blick eigenartige Freizeitbeschäftigung werden. Ich starte schon jetzt die Schlange für Kopfgrätsche Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Nach dem frühen Sonnenuntergang am Mittwochabend kann man das auch noch problemlos ohne Tageslicht fortsetzen.  

No time for looosers?

Uns Uwe plauderte 2016 im Spiegel über das Endspiel 1966:
»Vorm Endspiel in Wembley wies mich Helmut Schön zudem nochmal extra darauf hin, dass auch die Queen im Stadion zugegen sein würde. Vor ihren Augen würde allzu großes Lamentieren und aggressives Auftreten erst recht keinen guten Eindruck machen. So vergingen vom umstrittenen Aufprall des Balls vor unserem Tor bis zu unserem Wiederanstoß im Mittelkreis gerade mal 50 Sekunden – jemand hat das nachträglich mal anhand der TV-Bilder genau nachgestoppt. Nicht mal eine Minute Diskussion über die wohl kontroverseste Szene der Fußballgeschichte! Schon verrückt, erst recht, wenn man bedenkt, dass wir jetzt, nach 50 Jahren, noch immer darüber sprechen.«
Mal davon abgesehen, dass Lamentieren beim Schiedsrichter eigentlich nie irgendwas bringt, offenbart der kürzlich verstorbene Ehrenspielführer hier, dass es sich für England 1966 schon gelohnt hat, dass es eine Königin hat, die es bei Bedarf bei wichtigen Spielen auf die Tribüne setzen kann. Ob sie dem Fußball wirklich etwas abgewinnen konnte, ist nicht ganz klar. Im Adel verfolgte man andere Sportarten sicher häufiger. Im Zweifelsfall etwas, wobei man auch mal die Pferde und Gewehre einsetzen kann. Die proletarische Fußlümmelei am Samstag (10:30) und Mittwoch (18:00) dürfte ihr daher eher fern gelegen haben. Dennoch hat man versucht zwischen der Einweihung einer Schraubenfabrik und der Ehrung von Royal-Airforce-Veteranen sie auch noch als Maskottchen für ein Fußballendspiel zu buchen. Das hat 1966 super geklappt. Vor dem VAR war sie quasi die Instanz, die dafür sorgte, dass die umstrittene Szene des Spiels ohne viel Palaver entschieden wurde. Am Ende durfte sie ihren Landsleuten den Pokal überreichen und Uwe Seeler blieb nur der höfliche Händedruck ihrer Majestät. Uwe beugte brav den Kopf anstatt ihr zu erklären „Du Lisbeth, das Ding war niemals drin!“. Die Queen war damals gerade 40 und man hätte eigentlich erwarten können, dass ihre Untertanen es hinbekommen bis zu ihrem Lebensende 56 Jahre später vielleicht doch noch einige Weltmeister- oder wenigstens Europameisterschaften zu gewinnen. Aber wie ihre Familie hat auch die Fußballfamilie es immer wieder geschafft, möglichst dramatisch zu scheitern. Erst die englischen Frauen schafften es kurz vor dem Ableben der Queen mit einem Sieg in Wembley gegen Deutschland in diesem Sommer wieder einen großen Titel zu holen. Die Herren-WM in Katar boykottiert sie jedenfalls in weiser Voraussicht. Immerhin wird trotzdem auch nach dem Finale dieses Turniers ihr größter Hit gespielt: We are the Champions!

Los stop schade (Kopfgrätsche Remix)

Auf dem Gummi aufgewacht
Das Trikot klamm, vom Tau ganz nass
Von der Tribüne da schaut mir jemand zu
Ein Stollenabdruck im Gesicht
Ich winde und bedanke mich
Auf der Tribüne, ich glaube da sitzt du und schaust mir zu
Jetzt stehst du auf, ich wink dir nach
Und im Flutlicht glänzt dein Haar
Und wieder mal: Los! Stop! Schade!

Alles versucht, zuviel riskiert
Den Solo-Doppelpass probiert
Für die Ersatzbank taug ich nun mal nicht
Der Schiri grinst sich tot
Seine Karte sie zeigt rot
Die dritte Halbzeit spiel ich ohne dich und ohne Ball
Krieg was ich will, hab ich gedacht
Dabei den Schlusspfiff wohl verpasst
Nichts weiter als: Los! Stop! Schade!

Wir sind der Pille auf der Spur
Wir versenken sie
Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00

23. August 2022 – Fußball im Audiospaziergang

Achtet mal drauf beim Audiowalk von Reclaim – Safe Harbour – einem zweistündigem Gang durch die Stadt: #KopfgrätscheFaheem ist darin zu hören. Und wenn man es weiß, hört man sogar, dass er von zwei Fußballterminen in der Woche spricht.

Weitere Termine findet ihr hier: SAFE HARBOUR – Ein Hörspaziergang über Migrationsgeschichte.

Ronaldo im Baggersee

„Ronaldo drängt auf BVB-Wechsel!“ Nur eine ganz normale Wahnsinnspushmitteilung in diesem Sommer. Und das schafft es kaum den Puls so weit hochzutreiben, wie es vielleicht die Meldungen „Rhein versiegt!“, „Kopfgrätsche-Samstag (10:30) und -Mittwoch (18:00) mit dreißig Mitspielern!“ oder „MV wird Frackinggebiet!“ hinbekommen würden. Nun soll also Dortmund Ronaldo-Gebiet werden, wenn sich nicht noch ein Club in Abu Dhabi findet, der dem Weltstar den sandigen Teppich ausrollt. In Dortmund waren sie jetzt gar nicht sooo überzeugt, sonst hätten sie ja nicht den Schiebermützendieb von den kölschen Peaky Blinders mit dem letzten Geld losgeeist. Aber Ronaldo hat sich entschieden und was soll man dann dagegen machen? Vielleicht wird man wenigstens im Tausch noch ein paar Ladenhüter wie Akanji, Meunier oder Nico Schulz nach Manchester los. Bei United ist man nach zwei Spieltagen und Niederlagen gegen Brighton und Brentford schließlich schon die Lachnummer der gesamten Fußballwelt. Sogar Elon Musk hat einen Kauf des Clubs in Aussicht gestellt. Und seit seinem Klingelstreich bei Twitter weiß man doch, was davon zu halten ist. Meme-Twitter kriegt sich natürlich gar nicht mehr ein und produziert inflationär Maguire-to-Mars-Content. Marschester United höhöhö. Am Ende wird Elon Musk etwas komplett anderes mit seinem Krypto-Geld machen, aber momentan klickt es halt gut, wenn man sich auch noch in die Prügelei gegen die Red Devils mit einreiht. Ronaldo wird aber nicht gern verhauen und sucht lieber die Echte Liebe. Er passt als Exot nach Dortmund natürlich wie Kaiman Sammy in den Baggersee. Aber erst wenn das Sommerloch vorüber ist, werden wahrscheinlich in Dortmund wieder Alltagsthemen diskutiert. Leider wird sich dann niemand mehr an den Sommerflirt mit dem Kurschatten Ronaldo erinnern, wenn Akanji, Meunier und Nico Schulz wie gewohnt den Ball verstolpern.

Telenovelaola

Fast hätte man verpasst, dass tatsächlich schon wieder professionell Fußball gespielt wird, oder? Die Sportnachrichten bestehen halt immer noch zu 80% aus Transfernews und bilden in der Gesamtheit eine so herrliche Seifenoper, dass man sich schon bewusst die Zeit nehmen muss, um auch mal ein Spiel anzugucken. Die Gerüchteküche ist natürlich unablässig am Brodeln und die Spielberichte rutschen dabei im Ranking schon mal auf die zweite Suchergebnisseite. Dabei muss man wissen, dass von den Gerüchten, die während eines Transferfensters Nachrichten generieren, unter 1 Prozent (großzügig aufgerundet) wirklich echte Transfers werden. Die Sinnlosigkeit, die sich offenbart, wenn man sich diesen Maßstab vor Augen führt, ist größer als der Schuldenberg des FC Barcelona, der die mit Abstand schmutzigste Telenovela des Sommers bietet. In der Zwischenzeit spielt der große Rivale Real Madrid einfach Fußball und gewinnt Titel. Boring. In die Trends schafft man es damit aber kaum. Real, die früher mal als die Galacticos die Erfinder von unanständigen Skandal-Transfers waren, sind kurz vor Status FC Heidenheim. Spieler bleiben lange und gern und sind dabei auch noch erfolgreich. Wie viele Transfergerüchte gab es um Toni Kross, Luka Modric, Casemiro und Karim Benzema in den letzten 5 Jahren? Sogar die Ausnahmespieler, die Mitte der 2010er Jahre die Bundesliga dominiert haben, und immer bekundet haben, dass sie irgendwann für Real spielen wollen, füllen jetzt lieber beim FC Barcelona die Schlagzeilen. Alle gucken gespannt auf sie, weil niemand genau weiß, ob sie gerade kommen oder gehen sollen. Die Spieler-Fluktuation wird womöglich am Ende auch nicht größer sein als zwischen einem normalen Kopfgrätsche-Samstag (10:30) und -Mittwoch (18:00). Aber man wird die Barca-Spiele natürlich sehen wollen, um die Telenovela-Kamera zu aktivieren, die ausschließlich die enttäuschten Spieler-Gesichter auf Bank und Tribüne filmt.     

Wie die Ölgötzen

Bevor das zu spät ist, müssten wir jetzt mal abklären, ob denn diese umstrittene WM in Katar nun geguckt wird oder nicht. Man könnte wie in den vergangenen 4 Jahren seit Watutinki natürlich sagen, dass es noch lange hin ist, aber eigentlich sind wir schon in der Story, die auf das Turnier hinführt. Die Hinrunde wird schon die entsprechenden Geschichten liefern, die dafür sorgen, dass man im Dezember gemeinsam unterm dem Heizpilz der Sportsbar sitzt und in die Vuvuzela trötet. Warum auch nicht? Es ist vermutlich einer der wenigen warmen Orte in diesem Winter. Das katarische Gas wird sicher nicht für ganz Europa und die katarischen Stadion reichen, die zeitgleich energieaufwändig auf 27 Grad heruntergekühlt werden müssen. Auch bei uns wird es jetzt einige Spieltage geben, wo man sich an diese Bedingungen schon einmal gewöhnen kann. Selbst fürs Kopfgrätschen ist manchmal zu warm. Samstag 10:30 bei 18 Grad und Mittwoch 18:00 bei 22 Grad sind aber ungefährdet. Der Ligaspielbetrieb wurde auch früher begonnen, um rechtzeitig zum Turnier mit der Hinrunde fertig zu sein und wir sind natürlich alle sehr gespannt wie Mario Götze, die hohen Temperaturen verträgt. Präsentiert er sich wohlmöglich in WM-Form, so dass er nach einer märchenhaften Hinserie natürlich mit auf den WM-Zug (der vermutlich trotzdem ein WM-Flieger sein wird) aufspringt? Da gucken wir doch alle sehr gespannt hin und am Ende blenden wir die finale Auflösung aus, ob er wie Phönix oder Jesus noch einmal mit dem WM-Pokal zurückkommt? Die Netflix-Serie ist doch bestimmt schon in der Mache und zur Gesamtstory gehört sicher alles was seit 2014 passiert ist. Es wird also dramaturgisch nahezu unmöglich sein Katar auszublenden. Also sichern wir uns besser schon einmal rechtzeitig den Stammtisch unterm Heizpilz. Außengastro wird doch bestimmt wieder ein gefragtes Ding. Wir müssen ja dort nicht wie Newcastle-Fans in Scheichkostümen rumsitzen. Es sei denn es gibt die aus Thermofleece.   

Arm aber kaufsüchtig

Dass diverse neureiche Clubs, nachdem sie plötzlich zu Geld gekommen sind, den Transfermarkt durcheinanderwirbeln, ist kein neues Phänomen. Das ist in der Vergangenheit häufig genug passiert. So war es 2003 als Chelsea von Ambramowitsch gekauft wurde und sich zuerst fett aus dem obersten Regal eindeckte. Mutu, Crespo oder Veron – der Preis spielte keine Rolle und war aus heutiger Sicht vergleichsweise lächerlich. Die meisten Stars waren für einen damalig unanständigen Preis zwischen 20 und 30 Mio. € zu bekommen, aber man wollte ja schnell nach oben. Und weil das so gut funktionierte, konnte man das gleiche Spiel noch einmal bei Manchester City 2008 beobachten. Das Geld kam aber zu plötzlich als der Markt schon leer war. Bis auf die Brasilianer Robinho und Jô, die völlig überteuert Man City bis auf Platz 10 führten. Ein paar Transferperioden später konnte man das Geld aber wirklich gewinnbringend aus dem Fenster werfen. Aber sie mussten das nicht allein tun, weil 2011 Katar bei Paris St. Germain einstieg und 2017 bewies, dass Geld überhaupt keine Rolle spielt, als sie beim FC Barcelona die Fantasieablöseforderung von 222 Mio € für Neymar erfüllten. Nun hat man natürlich erwartet, dass in diesem Sommer Newcastle mit dem Saudi-Geld den Markt ordentlich aufmischt. Aber der Scheich hat die Taschen wohl noch zugenäht. Stattdessen gibt der FC Barcelona Geld aus, das er gar nicht hat. Die Neymar-Millionen sind jedenfalls schon lange weg. Messi und die diversen neue Neymars haben das quasi weggeatmet. Dennoch kaufen sie in diesem Sommer fleißig alle Spieler, die ausgerechnet der FC Chelsea gerne verpflichten würde. Ob die Erbeuteten dann wirklich alle spielen dürfen, ist eine andere Frage. Lewandowski muss wahrscheinlich seine Arbeit fürs erste oder bis zu seiner offiziellen Anmeldung pünktlich zur WM von Aubameyang erledigen lassen. Bis dahin kann er sich gerne Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 beim Kopfgrätschen einigermaßen fit halten. Nur falls er nicht zu Newcastle verliehen werden möchte.

Hinterkopfjuwel

Nun hat der HSV tatsächlich niemanden mehr, der sich vernünftig um ihn Sorgen macht. Und alles was man an Herzlichkeiten über den verstorbenen Ehrenspielführer und die legendärste HSV-Legende sagen kann, wird gerade zurecht als Trostpflaster auf alle Startseiten geklebt. Mit Uwe geht bei den Menschen halt auch eine ganz tiefe Sehnsucht noch dem Fußball von früher; und damit ist gar nicht das eigentliche Spiel gemeint, das technisch und athletisch natürlich wie andere Sportart aussieht. Fast ein wenig wie Kopfgrätschen am Samstag (10:30) oder Mittwoch (18:00). Aber wer seinen Kopf so kreativ einsetzt, dass sogar der hintere Teil des Nüschels eine torgefährliche Waffe darstellt, der geniest bei uns Fans der ungewöhnlichen Kopftechniken natürlich die höchste Anerkennung. Und in Sachen Fairplay und Sportsmanship war Uwe natürlich die Blaupause, nach der man sich nicht nur seine Mitspieler sondern auch seine Gegenspieler wünscht. Von so einem lässt man sich gerne mal die Tore einschenken, wenn man weiß, dass der gegenseitige Respekt vor der sportlichen Leistung stets die Grundlage der gemeinsamen Zeit auf dem Platz ist. Solch ein Wesen macht die Leute zurecht wehmütig. Gerade mit Blick auf den modernen Fußball. Einen hippen Signature-Fortnite-Jubel, der den Gegner so richtig auf seinen Loser-Status verweist und der den FIFA-Avatar erst so richtig wertvoll macht, hat ein echter Sportsmann wie er nie nötig gehabt. Aber zum Ausgleich bekommt man als Denkmal einen riesigen Fuß vor das eigene Stadion gestellt. Jetzt wäre es an der Zeit, dass Hamburg auch die restlichen verehrungswürdigen Körperteile von Uwe ins Stadtbild integriert. Wir freuen uns besonders auf seinen Hinterkopf.