Praise the Lords of Chaos

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das erzählt jede Standesbeamtin jeden Tag circa 5 mal. Und weil es aber auch nervig ist zu lange auf den Anfang zu warten, kann man ihn auch vorziehen, indem man den Trainer nicht erst zum Saisonende rauswirft. Zwei Spieltage vor Schluss wirkt ein wenig, wie wenn man den lauffaulen Zehner noch vor der Halbzeitpause demonstrativ auswechselt. Aber niemand ist gezwungen bis zum Ende zu leiden, nur damit man sagen kann: wir werden uns nach der Saison zusammen setzen und alles knallhart analysieren. Da weiß man doch schon, was bei raus kommt. Also neuer Besen sofort und dann wird ein wenig Chaos aufgewirbelt. Hat man sich auch in Köln im Schatten des Doms gesagt und einen Mann reaktiviert, der ungelogen älter als der neue Papst ist. Das Pontifikat Funkel muss ja auch nicht ewig dauern, Hauptsache der Effzeh kommt in dieser Saison noch in den Himmel, also in die Bundesliga. Zwei Spieltage reichen bis zur Seligsprechung. Danach wird sich schon ein anderer Trainer finden, schließlich werden die Arbeitsagenturen gerade mit Übungsleitern geflutet. Da wird doch was dabei sein. Z.B. Markus Anfang, dem als gebürtigen Kölner der Karneval super wichtig ist und dem am Anfang seiner Beschäftigungsverhältnisse oft ein gewisser Zauber inne wohnt. Bis zum Ende der Saison hat dieser auch bei ihm in Kaiserslautern nicht angehalten, weshalb er vor zwei Spieltagen ersetzt wurde. Beim ersten Spiel von Torsten Lieberknecht als neuen FCK-Trainer vor zwei Wochen, sprach der damaligen Schalke-Trainer Kees van Wonderen in die Mikrofone, dass er es schade finde, dass so ein Trainerwechsel kurz vor Schluss tatsächlich mit einem Sieg für Kaiserslautern belohnt wurde. Eine Woche später dachten sich seine Vorgesetzten auf Schalke: ach komm, das versuchen wir auch. Man muss mal gucken wie stark die Chaoswirkung durch einen neuen Trainer tatsächlich ist, wenn es alle gleichzeitig versuchen. Ein bißchen so, wenn Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 alle fünf Minuten neue Kopfgrätscher auftauchen und man innerhalb von Sekunden von 2, auf 3, auf 4 Teams mit 4+1 oder 5+1 oder doch mit Wechslern wechselt. Das Gute dabei: es wirkt jedesmal wie ein neuer Anfang von Zauberhand. 

Harrys HäXler

Am Ende war der Bundestrainer auch nur so kreativ wie irgendein durchschnittlicher Dude im Internet, der seit der EM kein Fußballspiel mehr gesehen hat. Fragt der Julian doch allen Ernstes nach dem Spiel den Schiedsrichter, ob er das Viertelfinalspiel gegen Spanien gesehen hat. Und meinte natürlich die Handspielsituation, die diesmal zum Elfmeter führte wie gegen Ungarn und damals nicht wie gegen Spanien. Plötzlich war das Netz wieder reflexartig voll mit Cucurella-Bildern. Wie eine Botarmee kamen die Schlandfans in der neunten Minute der Nachspielzeit fast alle auf die gleiche Idee, inklusive Bundestrainer. Dabei wurden in Zeiten von Erntedank natürlich Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn man schon Robin Koch mit Marc Cucurella vergleichen möchte, kann man ja gleich Robin Koch mit Harry Koch oder Harry Koch mit Cucurella vergleichen. Die Kombination aus Robin Koch und Marc Cucurella ergibt erschreckenderweise optisch eindeutig Robins Vater Harry Koch. Allerdings steht in dessen Wikipedia-Eintrag nichts über verursachte Elfmeter, sondern nur, dass der Deutsche Meister von 1998 selbst ein sehr sicherer Elfmeterschütze war. Heute ist er beruflich als Akten- und Datenvernichter in Rheinland-Pfalz und im Saarland mit Hochleistungsschreddern unterwegs. Um dem Datenmüll nach dem Spiel gegen Ungarn Herr zu werden, ist er also genau der richtige Mann. Statt alle Cucurella-Bilder zu schreddern, kann er sie natürlich auch mit einem Schnäuzer versehen. Das rote Trikot passt sowieso. Harry Koch hätte dennoch den Segen vieler, wenn X aus Versehen komplett in den Reißwolf gerät. Die meisten Fußballclubs haben die Plattform in den letzten Tagen eh bereits verlassen. Auch Kopfgrätsche bekommt die Samstag-10:30-Botschaft anderweitig unters Volk. Der FCK ist noch auf X und konnte Harry Koch dort immerhin vor einer Woche zum 55. Geburtstag gratulieren. Das war noch wichtig, aber nun kann das unkreative Drecksloch wirklich endgültig in Harrys HäXler.  

Virage am Arsch

Oh, la la, wir haben es versucht wie Saarbrücken. Vielleicht waren es aber am Ende ein paar Regentänze zu viel. Dass an einem Mittwochabend noch ordentlich Luftfeuchtigkeit herrscht, freut sicher die Vegetation um den Platz herum, die bereitwillig unsere Bälle frisst. Aber für Tartan brauchen wir nicht unbedingt Nässe von oben, um unsere Talentfreiheit auszugleichen. Das bisschen Getröpfel reicht dann leider auch nicht aus, um die Glasscherben vom Platz zu spülen, die seit Silvester dort rumliegen. Auf Glasscherben und Reißzwecken haben sie im Saarland verzichtet. Aber sonst waren ihnen alle Mittel recht, um die Gäste auf ein möglichst ungewohntes Terrain (wie der frankophile Virage-Steher zu sagen pflegt) zu locken. Auf dem war dann der Kaderwert oft kein Faktor mehr. Als halbe Franzosen reihten sich ihre Matschpläne gegen überlegene Gegner in die Reihe großer Feldtaktiken kleiner Feldherren ein, die aber kurz vor der Herrschaft über ganz Europa enden sollten. Ausgerechnet die Nachbarn aus der gleichen Wetterzelle kamen dann mit den herrschenden Klimabedingungen am besten zurecht und dürfen nun stattdessen nach Berlin reisen. Da wird der Rasen natürlich á la bonheur sein. Und wenn nicht kurz vor dem Finale ein riesiges Aquarium ausläuft, höchstwahrscheinlich knochentrocken. Das Banner »Virage, Bagage – Drainage, Blamage«, das alle bekannten Französisch-Vokabeln des pfälzer Bergvolkes zusammenfasst, wird wahrscheinlich nicht gebraucht. Da muss beim Finale schon etwas Kreativeres kommen. Am besten etwas, dass den Finalgegner und haushohen Sieger davon abhält, nach dem Abpfiff Aspirin in den Pokal zu schütten. Wir versuchen wieder Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 den Elementen jeglicher Art zu trotzen und kommen trotz möglicher Verbannungen durch das Wetter immer wieder. Aux Armes!           

Medizinball auf Bistrotisch

Bis zur Stunde ist noch nicht klar, ob er nicht doch wieder auftaucht (wie wir jeden Samstag 10:30 auf dem roten Platzt). Beim HSV wird auf jeden Fall heftig diskutiert, ob man der Forderung von Investor Kühne nachgeben muss und einfach mal seine Festnetznummer wählen soll. Die Medizinbälle sollten doch noch irgendwo hinten in der Turnhalle liegen. Und beim letzten mal vor zwei Jahren, als ihn die alte Dame wach küsste, hat er es nicht schlecht gemacht. Immerhin war auch der HSV in der Relegation und wäre bestimmt sogar aufgestiegen, wenn nicht Felix Magath bei den Herthanern Angst und Schrecken verbreitet hätte. Es ist also nur legitim zu überlegen, ob nicht diesmal Quälix der Retter des HSV sein muss. Jedenfalls, wenn man ein Multimilliardär von 86 Jahren ist. Da vertraut man doch lieber einem frischen 70-Jährigen als einem Greenhorn, das nicht einmal halb so alt ist. Und der FCK hat einem schließlich gerade den vorletzten Nicht-Laptop-Trainer weggeschnappt. Beim Namen Felix Magath denkt man in Hamburg natürlich an eine gewisse glorreiche Nacht 1983 in Athen. Vierzig Jahre danach taumelt der Verein in jedem Frühjahr regelmäßig aus den Aufstiegsrängen zur ersten Liga. Als Magath in den Neunzigern Trainer an der Müllverbrennungsanlage war, war der HSV zwar auch in Abstiegsgefahr, aber er hat sich immer irgendwie retten können. Und damals gab es nicht einmal eine Relegation. Laptops waren noch exotisch und passten auf keinen Bistrotisch in Straßencafés. Jetzt sollten Kühne und der HSV aber schnell handeln und einen berittenen Boten den Hügel der Leiden hochscheuchen. Sonst sind die Südkoreaner zuerst da. Die haben schließlich grad Laptop-Klinsi vor die Tür gesetzt und brauchen dringend etwas Abwechslung. 

Kloppo Redentor

Allzu oft passiert es nicht, dass sich Jürgen Klopp beruflich verändert. Bisher stehen in seiner Vita nur drei Vereine und bei Liverpool ist er nun auch schon seit fast neun Jahren an der Seitenlinie. Aber wenn er denkt, dass er sich verändern muss, dann sendet er als limitierter Fußballer, der er war, ein Signal an andere Stolperer auf einer vorher nicht angesagten Frequenz. Vielleicht hat er aber lediglich ein gutes Gespür für Timing, was immerhin dazu geführt hat, dass er noch nie entlassen wurde. Gut, beim HSV haben sie ihn einfach schon vorher weggeschickt, aber wahrscheinlich nur, um ihn zu schützen. Als HSV-Trainer wäre er schließlich spätestens nach zwei engen Relegationen zum Teufel gejagt worden und er hätte sich danach nur noch durch 6-10-Monatsengagements bei Kaiserslautern, Schalke, Hannover und Arminia Bielefeld gehangelt. Campino hätte er natürlich trotzdem kennengelernt, während eines Intermezzos bei Fortuna Düsseldorf. Zum Glück ist alles anders gekommen und jetzt könnte er es sich aussuchen, wo er beruflich landet. Noch haben die semierfolgreichen Amtsinhaber attraktiver Posten Ruhe und können in den nächsten Wochen beruhigt in die Skiferien fahren. Die Zeugnisse sind zwar durchschnittlich und es gibt keinen Schnee, aber Kloppo möchte sich auch erst einmal eine Pause gönnen und sich die Welt ansehen. Die Pyramiden von Mo Salah, Christo Redentor von Bobby Firminho, die Shibuya-Kreuzung von Wataru Endo. Und natürlich den Roten Platz Samstag 10:30. Falls also Touris mit Pöhler-Kappe um den Platz schleichen, immer schön grüßen. Wir Stolperer erkennen uns überall. 

Bummel durch Rhein-Neckar

windeck_weinheim

Unter den Farben der Wittelsbacher auf der Burgruine Windeck über Weinheim an der Bergstraße wehen jetzt auch die Farben der Kopfgrätscher. Und auch wenn man hier auf den ersten Blick keinen Ball sieht, ist hier in der Rhein-Neckar-Region der moderne genauso wie der altehrwürdige Fußball ganz nah. Ihre nächsten Reiseziele:

Carl-Benz-Stadion, Mannheim: 18km
Hardtwaldstadion, Sandhausen: 26km
Böllenfalltor-Stadion, Darmstadt: 37km
Rhein-Neckar-Arena, Sinsheim: 44km
Commerzbank-Arena, Frankfurt: 63km
Bruchwegstadion, Mainz: 67km
Wildparkstadion, Karlsruhe: 68km
Volksbankstadion, Frankfurt: 69km
Bieberer Berg, Offenbach: 69km
Fritz-Walter-Stadion, Kaiserslautern: 76km