29. April 2023 – „Das war mein letztes Spiel“

… sagte Atabek kurz nach diesem #Kopfgrätsche-Foto. Atabek ist der junge Mann im gelb-blauen Fenerbahçe-Trikot und dem New-York-Yankees-Basecap. Er hat seit etwa einem Jahr immer mal wieder bei uns mitgespielt. Immer freundlich, immer bescheiden. Er hat vorsichtig Deutsch gesprochen und wurde immer besser. Auch in der Stadt sind wir uns öfter begegnet, wo er versuchte durch Aushilfsjobs über die Runden zu kommen. Jetzt wird er abgeschoben. Nach Polen, weil er dorthin vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet ist. Er selbst ist kein Ukrainer und muss nun in ein Land, welches er gar nicht kennt.

Auf Wiedersehen Atabek. Bis bald.

Das Märchen vom Sternzahler

Was man sich jahrelang mit der Formulierung „War’s das für…“ zu Donald Trump fragte, fragt man sich seit geraumer Zeit zu Twitter. Der neuste Sargnagel war dann wohl letzte Woche fällig, als die blauen Haken verschwanden, mit denen die Twitter-Prominenz bis dato gekennzeichnet und diese nur noch an Bezahlkunden verteilt wurden. Im Fußball wäre das vergleichbar mit der Situation, wenn Aki Watzke als Liga-Chef sagen würde: „Das ist mir egal wie oft du Meister geworden bist, lieber Uli. Ab jetzt bezahlst du gefälligst für die Sterne auf dem Trikot.“ Und nicht nur für die Bundesliga wäre das eine willkommene Einnahmequelle. Nein, auch die Fifa könnte, wenn sie denn an Geld interessiert wäre, die Weltmeistersterne, nur gegen Geld rausgeben. Zuletzt mussten die Argentinier aufgrund unerwarteten sportlichen Erfolgs ihr Wappen aktualisieren und alle Landsleute waren im Zugzwang, ein neues Trikot zu erstehen. Gerade bei der wirtschaftlich angespannten Situation von Argentinien nicht gerade verantwortungsvoll von Messi & Co. Aber von diesem Update hat die Fifa überhaupt nichts und hätte sie nicht mehr daran verdienen können, wenn sich eine solvente Nation wie z.B. Katar einen Stern kauft? Falls man keine Sterne mag, kann es ja auch etwas anderes sein. Ein Mond, ein Anker, ein Herz … der DFB hätte auf diesem Weg vielleicht sogar eine One-Love-Botschaft ins Stadion bringen können. Jeder nur ein Kreuz? Quatsch, wenn du dafür bezahlst, darfst du dir sogar mehrere nehmen. Wofür dieser neue Symbolismus zu gebrauchen ist, außer um damit Geld zu verdienen, ist am Ende nicht mehr wirklich nachzuvollziehen. Ein käufliches Erkennungszeichen ist auch nur wie ein käufliches Trikot. Du kannst es gerne tragen, aber jeder ahnt, dass du Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) nicht mit Messi-Skills bereichern wirst. Deshalb ist die Teilnahme bis jetzt kostenlos.        

Olli, Scholli, Lollipop

Die Bilder vom zerknirschten Oliver Kahn gab es in den letzten Tag doch häufiger zu sehen. Und das ganz ohne den Einsatz von Midjourney. Sicher hat der Titan im Laufe seiner Karriere schon genug Ikonografisches abgeliefert, aber das letzte mal, dass er so grüblerisch zu sehen war, muss schon fast 15 Jahre her sein. 2007 beendete sein langjähriger Teamkamerad Mehmet Scholl seine Karriere mit einem Abschiedsspiel des FC Bayern gegen den FC Barcelona und einer anschließenden Party. Dort waren nicht nur alle Großkopferten wie Beckenbauer, Rummenigge, Hoeneß und Stoiber eingeladen. Natürlich waren auch Scholls Mitspieler vor Ort und einige befreundete Bands, weil Scholl zu dieser Zeit ein Projekt mit einigen CD-Veröffentlichungen pflegte. Vor dem Spiel ist nach dem Spiel: Mehmet Scholl kompiliert – Volume 1 und 2 sind bei Medimops für 1 bis 2 Euro zu haben. Deshalb ließ er es sich nicht nehmen an diesem Abend in München eine seiner Lieblingsbands The Hidden Cameras auf die Bühne zu holen. Einerseits natürlich weil er die Musik von Joel Gibb und seinen Boys selbst ziemlich feierte. Aber andererseits auch, weil er als alter Agent Provocateur die Gesichter seiner Kollegen sehen wollte, wenn die queere Band in Lederhosen mit ihrem unverschämt eingängigen Gay Church Folk Rock die Bühne der Münchner Reithalle statt den CSD zum Wackeln bringt. „Wir werden ja sehen, wie die reagieren“, feixte Mehmet schon vor dem Auftritt. Für die Tanzeinlagen muss er neben den maskierten Gogo-Boys dann natürlich fast alleine sorgen. Uli Hoeneß holt früh seinen Mantel. Olli Kahn macht dieses schmallippige Gesicht und das wird im Verlaufe des Abends sicher nicht besser als die Sportfreunde Stiller auftreten und ihn daran schmerzhaft erinnern müssen, wo er die WM 2006 hauptsächlich verbracht hat. Egal, ob ihr Samstag (10:30) oder Mittwoch (18:00) gewinnt oder verliert – am Ende werden schon alle lächeln auf den Fotos. Dafür sorgt zur Not Midjourney.     

15. April 2023 – Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen …

… ist nach einem Freitagabendkonzert natürlich ein Kopfgrätsche-Samstag.

»Als Atheist, der gern Altare baut
Als Pessimist, der an das Gute glaubt
Als Nostalgiker, der nach vorne schaut
So stolpere ich über den Platz
Und glaub mir
Ich weiß nicht wohin das führt
Rennen und Marschieren
Schlendern und Flanieren
Kreise ziehen und Haken schlagen
Kurven kratzen, Schatten jagen
Suchend nach dem Unbekannten
Durch Schleier, Nebel und Dunst…«


Aber bitte mit Schlagsané

In Zeiten, in denen sich Fußballmannschaften sehr gern an der Erfolgsserie Ted Lasso orientieren, scheint es so als ob Sieg oder Niederlage kurzfristig gar nicht so wichtig sind. Fast so wie beim Kopfgrätschen (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) oder wie früher beim FC St. Pauli, bevor sie anfingen eine endlose Siegesserie zu starten. Der Ted-Lasso-Effekt ermöglicht Siege für die Menschlichkeit. Da behält man seinen Trainer auch gerne mal in längeren Saure-Gurken-Zeiten wie Arsenal Mikel Arteta, weil man dem Process trusted. Und es gilt als Erfolg, wenn junge Menschen es schaffen, die beste Version von sich selbst zu werden. Dafür braucht man einen unerschütterlichen Believe, auch wenn man empfindliche Niederlagen auf dem Platz einstecken muss. Die Chance auf eine Revanche kommt irgendwann. Dafür muss man allerdings ziemlich geduldig sein. Und nachdem der FC Bayern schon vorletzte Woche gezeigt hat, dass er wenig Geduld hat irgendeinem Process auf der Trainerbank zu trusten, geht es auch auf dem Platz und in der Kabine inzwischen so zu wie man es als Nostalgiker sonst nur in Bayern Classics aus den Neunzigern erlebt hat. Als noch der Sky-Experte Matthäus mit Lizarazu die besten Szenen aus Michalczewski gegen Rocchigiani öffentlich nachstellte. Oder als der aktuelle CEO Hälse anknabberte und in Bruce-Lee-Manier durch den Strafraum flog. Oder als die jetzigen scharfen Doppelpass-Richter für Affären mit Pizzerien, Obdachlosen oder ausgespannten Spielerfrauen sorgten. Eben diese müssen sich heute damit auseinandersetzen, wenn aktive Kicker nach dem Spiel unsportlich jubeln oder eigene Episoden von Schlag den Star aufführen. All das zahlt aber ganz im Sinne eines ehemaligen US-Präsidenten darauf ein, dass die BILD-Titelseite, die Klickzahlen und die Sendezeiten beständig mit Combat gefüttert werden. Und nur so manifestiert man einen Branchenprimus-Status. Die beste Version von sich selbst? Das versucht ChatGPT auch. Viel Glück dabei.       

Die spinnen, die Ballier!

An Ostern muss nicht alles brandneu sein, es reicht, wenn es gut versteckt ist. So wie diese Spielankündigung von vor zwei Jahren, die ich jüngst zufällig wiederfand, weil mich ein großer Aufsteller im Kino quasi mit der Nase draufstieß. Damals hatten die Dreharbeiten zum neuen Asterix-Film gerade begonnen und die Meldungen um den Auftritt von Zlatan als Antivirus tickerten um die Welt. Viele dachten sicher: ach guck, jetzt lässt er seine Karriere als kultiger Darsteller wie Vinnie Jones oder Eric Cantona ausklingen. Aber erst vor drei Wochen holte er sich den Serie-A-Rekord als ältester Torschütze und man kann bilanzieren, dass er vielleicht nicht größer als Jesus ist, aber seine aktive Karriere dauert definitiv länger. In der zwei Jahre alten Spielankündigung fehlt allerdings der offensive Hinweis auf die Spielzeiten. Der Grund ist kein Tanzverbot, aber andere Einschränkungen, die sich zwischen den Zeilen herauslesen lassen. Es war halt die Zeit, in der eine Osterruhe wild diskutiert wurde. Was ist heute eigentlich im Reich der Mitte los, wenn unser Tanzverbot quasi verbietet, dass man TikTok überhaupt öffnet? Egal, heute darf auf jeden Fall jeder, endlich die einfach zu findenden Hinweise zu den Anstosszeiten Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 in sein Körbchen legen.