Staubfänger im Roggen

So, der gelbe Schirm ist besorgt. Ein wenig schade für die Filzer, die nun am Wochenende vergeblich auf Besucher warten. Aber irgendwie müssen wir ja Samstag 10:30 am Platz kenntlich machen, dass es bei uns wahre Kunstfüßchen zu bestaunen gibt. Bei Kunsthandwerk gibt es natürlich Frei- oder Strafstoß, aber Kunstfußwerk hat auch sein Publikum verdient. Und echte Kopfgrätschen in Vollendung haben einen Seltenheitswert, der uns bestimmt Massen an Schaulustigen an den Platz ködert. Unsere kleine Manufaktur (oder wie heißt das, wenn la Mano de Dios nur im Ausnahmefall gestattet sind?) ist zwar nicht gläsern, aber durch den Zaun kann man dennoch prima hindurchgucken. Falls es Interessenten für Stehrümchen und Staubfänger gibt, diese können vereinzelt tatsächlich auch im Angebot sein, bekommen aber meist schnell einen herzlichen Anranzer, dass sie gefälligst zeitnah wieder in der Abwehr mithelfen sollen. Kurz danach verändert sich ihre Gesichtsfarbe zu der von gebranntem Ton, sie verändern japsend ihre Rolle und werden zum Ladenhüter zwischen den Pfosten. Käuflich ist hier nicht viel. Die meisten Kopfgrätscher haben nicht einmal ein aktuelles Preisschild auf transfermarkt.de. Aber das ist ja wie bei so vielen Werkstätten, die man am Kunst-Offen-Wochenende bei einer Landpartie durch die Roggenfelder besuchen kann. Davon findet man selten etwas in den Katalogen der großen Galerien. Darum hoffen wir, dass alle Besucher auch den Exit ohne Giftshop finden und trotzdem auch Mittwoch 18:00 wieder zurück an den Platz kommen, wenn mit der gleichen Ernsthaftigkeit aber ohne Schirm an der perfekten Kopfgrätsche gefeilt wird.

Verkatert nach Förderkader

Letzten Mittwoch 18:00, man trifft sich zum gepflegten Kopfgrätschen mit drei Mannschaften. Jede Ballaktion ob gelungen oder nicht ist begleitet von einem Roar, der offensichtlich nicht uns galt sondern aus dem Stadion nebenan herüberschwappte. Aber wer spielt zu dieser Zeit so spektakulär im Stadion, dass es die Menschen so dermaßen von den Sitzen reißt? Können das wirklich Menschen aus Wismar sein, die jetzt nicht unbedingt dafür bekannt sind so geräuschvoll aus sich heraus zu gehen. Sogar entscheidende Spiele um Auf- oder Abstieg sorgen selten für solch eine Soundkulisse. Als Anker 2019 sein Relegations-Rückspiel in den Sand setzte, konnte man die Schultern zucken hören. Auch damals lief parallel ein Kopfgrätsche-Mittwoch, der aber aufgrund dürftiger Teilnahme (kein Wunder alle potentiellen Mitspieler lungerten am Jahn-Sportplatz rum) ein frühzeitiges Ende fand. Na gut, es regnete auch an dem Abend. Deshalb existiert von dem besagten Mittwoch nur ein Mannschaftsfoto der Eventfans in Zivil.

Zurück ins Jahr 2023. Anker steht als aufstiegsunwilliger Meister bereits fest. Das erklärt den Lärm im Stadion am Mittwoch also nicht. Über fussball.de ließ sich später noch recherchieren, dass es das Landespokalfinale der PSV A-Jugend gegen den Förderkader René Schneider war, das erst in einem Elfmeterschießen entschieden wurde. Auch zwei Tage danach lassen sich keine Spielberichte dazu finden, was dafür spricht, dass die, die dabei waren, wohl immer noch siegestrunken sind. Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 freuen wir uns am meisten über Jubelanlässe, die dem eigenen Spiel zuzuordnen sind. Falls diese ausbleiben sollten, nehmen wir aber zur Not auch Fremdjubler aus der Nachbarschaft. 

Jeremy spoke in Master Class today

Yeah, Hamburg ist wieder das Maß der Dinge, Diggi! Also beim Fußball jetzt noch nicht so wirklich. Okay, vielleicht steigt dieses Jahr tatsächlich eine Mannschaft aus Hamburg auf. Oder wenigstens aus Stellingen. Aber dafür muss man erst einmal den Relegationsplatz erreichen. Und danach diese Relegation auch noch erfolgreich bestreiten und selbst falls man in den letzten Jahren in der Freien und Hansestadt eine gewisse Routine für diese Bonusspiele entwickelt hat, stellt die Relegation jetzt statistisch nicht unbedingt eine Riesenchance für Zweitligisten dar. In den letzten 10 Jahren hat es gerade mal ein Verein geschafft über die Relegation aufzusteigen. Das war Union Berlin 2019 und seitdem hat Berlin tatsächlich zwei Eisen im Erstligafeuer. Seit fünf Saisons hat Hamburg dafür das Abo auf spannende Stadtderbys – nur leider nicht ganz oben. In diesem Jahr lässt man sich offensichtlich von Darmstadt und Heidenheim abhängen. Das nagt schon ganz schön am natürlichen Selbstverständnis der Großstädter. Gut, dass das OMR-Festival diese Woche gezeigt hat, dass Hamburg immer noch sehr wichtig ist. Dieses Jahr waren dort 70.000 Zuschauer. Das sind 20.000 Leute mehr als Heidenheim Einwohner hat. Die digitale Champions League der Onlinemarketingprofis und Content Creator hat somit in großer Zahl schon einmal St. Pauli das Gefühl geben können, wie sich ein Aufstieg im Viertel anfühlen würde. Ob dann auch Boris Becker, Jeremy Fragrance oder Luisa Neubauer kommen würden, ist unwahrscheinlich. Aber die Kreativagenturen würden bestimmt mit einigen Espresso-Martinis feiern. Kopfgrätsche liefert auch heute verlässlich freshen digitalen Content, um euch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 wieder zu spannenden Sessions auf die Red Stage zu locken. Die Seats für die Master Class sind allerdings streng limitiert wie Erstligalizenzen und heiß begehrt. Ein Recording des Events, das man in doppelter Geschwindigkeit relive snacken kann, wird diesmal nicht angeboten.      

Königstransfer

Kann man dieses Wochenende irgendwo Fußball sehen? Nö, ich frag ja nur, weil das letzte mal als was bei den Royals passierte, waren sämtliche Sender dieses Landes im Livestream dabei. Und in England hatten sie sogar ganz die Lederarbeit eingestellt. Offensichtlich fällt den Insulanern Multitasking doch eher schwer. Natürlich bindet eine Großveranstaltung im Königshaus auch einen Großteil der Uniformträger, so dass man wahrscheinlich auch bei Briefträgern und Pizzaboten etwas geduldiger sein muss. Die Premier League gönnt sich vielleicht deshalb am Krönungstag nur ein Spiel in London. Tottenham gegen Crystal Palace ist dabei wohl auch eines der entspannteren Derbys, die man haben kann. Da sollten ein paar Fahrradpolizisten ausreichen, so dass alle Pferde, die gerade in London sind, morgen zur Krönung dürfen. (Hier Camilla-Gag einfügen.) Der Lieblingsclub des Königs Burnley FC spielt erst am Montag (ganz zufällig am zusätzlichen Feiertag) und hat sich sowieso frühzeitig zum Champion der zweiten Liga gekrönt. Charles Mutter war angeblich Fan des FC Arsenal, der sich wahrscheinlich doch nicht dieses Jahr zum Überraschungsmeister küren kann. Aber immerhin in Italien gibt es nach 33 Jahren einen unerwarteten Champion, der einen anderen berühmten Toten glücklich machen sollte. Der SSC Neapel hat es tatsächlich geschafft die Clubs aus Mailand, Rom und Turin abzuhängen. Napoli und Diego mussten gefühlt ewig auf diesen Moment warten. Das Gefühl kann Charles gut nachvollziehen. Er ist bei seiner Krönung schließlich 12 Jahre älter als Maradona überhaupt wurde. Dieser wiederum wurde kurioserweise in dem Jahr geboren als Burnley das letzte englischer Meister war. So dass Diego tatsächlich die letzten Titel von Burnley und Neapel verpasst hat. Alle Nicht-Royalisten und Nicht-Pferdefans verpassen Samstag 10:30 (wie auch Mittwoch 18:00) zum Glück kaum etwas, weshalb sie beruhigt Kopfgrätschen können.