Eau de Stallgeruch

„Die Schlaumeier wollten uns Tuchel einreden“ blaffte 2018 Uli Hoeneß in die Mikrofone. Niko Kovač war gerade erst ein paar Wochen in München, aber der Bayernboss war sehr zufrieden mit dem neuen Trainer und ließ das die Journalie in seiner gewohnte herzlichen Art wissen. Nein, er war nicht nur zufrieden mit der B-Lösung, er war „der glücklichste Mensch der Welt“. Die Wochen vor der Verpflichtung waren turbulent. Der neue Trainer hatte auf der Bank von Eintracht Frankfurt im Pokalfinale kurz vor seiner Verpflichtung in München dafür gesorgt, dass die Bayern lediglich die Meisterschale in die Vitrine stellen durften. Jupp Heynckes hatte ein letztes mal versucht den Club vor einer Saison ohne Triple zu retten, nachdem ein unerfahrener Azubi namens Carlo Ancelotti mit Augenbrauenlupfen die Bayern nicht zum Rennen bewegen konnte. Immerhin konnte Don Jupp locker die Meisterschaft vor dem ärgsten Verfolger Schalke 04 eintüten. Dann war aber endgültig Rente mit Cando angesagt und Uli musste einen neuen Trainer suchen. Der Favorit war schnell klar. Aber der Wunschkandidat Thomas Tuchel wagte es tatsächlich den Bayern abzusagen. Stattdessen folgte er lieber dem dreckigen Scheichgeld nach Paris. Aber für Uli war eh klar: der Tuchel, das war maximal der Kandidat der Schlaumeier, die sich davon blenden ließen, dass er zehnmal im Spiel die Taktik änderte. Da könnte man ja gleich den Nagelsmann holen. Kovač ergab auf ganz vielen Ebenen Sinn. Er hatte Stallgeruch, war mit Sportdirektor Salihamidzic auf Du und Du. Kovač galt als umgänglich, Tuchel als unnahbar. Er hatte zudem eine BVB-Vergangenheit und kam aus einem Sabbatical. Kovač kam mit Rückenwind aus dem DFB-Pokalfinale, was Uli Hoeneß im Nachhinein so bewerten möchte: „Das war vermutlich eine glückliche Fügung für alle, leider sehr zum Leidwesen auch unserer Fans.“ Sechseinhalb Jahre später muss man konstatieren: eine Fortsetzung der FC Hollywood Doku muss unbedingt kommen. Aber natürlich nur in Kombination mit dem BVB. Die Schnittmengen sind einfach zu offensichtlich. Ich als Schlaumeier will euch bei der Gelegenheit natürlich wieder Samstag 10:30 als Kopfgrätsche-Termin einreden. Dafür rufe ich zur Not auch noch mal am Sonntagmorgen im Doppelpass, im Presseclub und bei Jupp Heynckes gleichzeitig an.  

Sonnenkönigsklasse

Noch ist es für uns zu früh, um über den Mittwoch als Spieltag nachzudenken. Die aktuellen Planetenverhältnisse erlauben nur Samstag 10:30 in unserem Spielplan. Aber so verpassen wir immerhin keine Sekunde vom Super-Mittwoch nächste Woche. Und da zählt nicht nur jede Sekunde. Nein, sogar das Blinzeln kann man nicht einmal empfehlen. Wenn alle 18 Spiele der letzten Rutsche der Champions-League-Vorrunde stattfinden, ist die Konferenz eine Herausforderung für jeden Geist. Durchschnittlich 5 Minuten pro Begegnung sind drin, aber wie in jeder Konferenz wird sich die Dramatik ihren Weg suchen. Und am Ende sind von Young Boys Bern gegen Roter Stern Belgrad vielleicht nur 10 Sekunden zu sehen. In diesen 10 Sekunden wird man die schwarz-gelben Berner vermutlich trotzdem noch mit den Dortmundern verwechseln. Und das nicht unbedingt nur wegen der Farben. Wichtig ist deshalb, dass die alten Radiolegenden reaktiviert werden, die durch unzählige letzte Bundesligaspieltage wenigstens wissen wie man durch 9 parallele Endspiele auf sich aufmerksam macht. Tooooor in Lillllle!!! Elfmeeeeter in Giroooonaaa!!! Rooote Kaaarte in Graaazzz!!! Wir melden uns vom Abgrund. Es ist ein wilder Zappingmarathon zu erwarten, an dessen Ende niemand weiß, ob der Schaum am Mund wirklich noch vom Bier kommt. Die Aufregung ist eigentlich nur mit der am Deadlineday zu vergleichen, der praktischerweise eine halbe Woche danach stattfindet, so dass man die teuren Stars, mit denen man sich für das mögliche Erreichen des Achtelfinales komplett übernommen hat, rechtzeitig noch auf den Grabbeltisch werfen kann. Das startet dann Anfang März. Auch dann sehen wir die Sonne immer noch zu früh untergehen, wie einen gehypten Topstar, der unbedingt den nächsten Schritt machen will. Aber zum Viertelfinale greifen wir unter der Woche auch endlich wieder ein und sagen dann wahrscheinlich so komische Dinge wie: „Lass mal letztes Tor machen, ich will noch Brest gegen Bergamo gucken.“

… ist doch ein Verbrechen!

Das mit den Polizeikosten für die Hochrisikospiele ist natürlich erst einmal nervig für die DFL. Aber dann guckt man einmal wer da am Wochenende nach uns Samstag 10:30 gegeneinanderspielt und Aki Watzke kann wenigstens in seiner Funktion als DFL-Präsident die Herztabletten wieder zurück in die Schublade packen. Kein Revierderby, kein Nordderby, kein Hamburgderby, kein Berlinderby, nicht einmal Köln gegen Gladbach. Die Ligenkonstellation verhindert aktuell das Schlimmste für den DFL-Geldbeutel. Da müsste schon Hannover gegen Braunschweig die teuerste Begegnung dieses Jahr sein und man könnte eigentlich ganz prima sparen. Sogar für die Spiele von Hansa Rostock gegen jeden x-beliebigen Gegner fühlt sich die DFL aktuell nicht zuständig und die würden in einem Erst- oder Zweitligajahr ordentlich den Sparstrumpf leersaugen. Aber nun ist das Risiko, dass der asiatische Markt bei Kiel gegen Hoffenheim auf der Fernbedienung einschläft und bei Bares für Rares den Rest des Abends versackt, sehr viel größer. Zum Glück gehört es mittlerweile zum Standard, dass einige Stadiongänger während der Pinkelpause zwischen den Halbzeiten auf ein beachtliches Pyroarsenal in ihren Unterhosen stoßen, das zum Beginn der zweiten Hälfte unbedingt abgebrannt werden muss bevor es feucht wird. Klar, früher hat man das für Gut aufgehoben bis der verhasste Mob aus der Nachbarstadt angereist ist. Aber wie lange soll man noch darauf warten, dass die Dilettanten von nebenan endlich mal wieder aufsteigen? Bis dahin ist das Leuchtbesteck überm MHD und für sich durchaus ein Risiko. Das TÜV-Rheinland-Logo blättert schließlich auch schon verdächtig ab. Wenn alles fein säuberlich abgefackelt wurde, nur nicht vergessen das Feuerzeug hinterherzuwerfen. Da lohnt sich die Rechnung und die ist ja für einen guten Zweck. Die DFL kann ein paar Euro sammeln für den Fall, das tatsächlich mal ein Polizist in Anspruch genommen werden muss. Und wer weiß, vielleicht schreckt sogar der eine oder andere asiatische Zuschauer aufgrund des Schwarzpulverfestivals aus seinem Dämmerzustand auf.

Wiedergänger mit 10.000 Schritten

Man könnte meinen, es würde ausreichen, dass sich jeder Einzelne am Jahresanfang selbstoptimiert und dann wird auch die Gemeinschaft davon profitieren. Bei Fußballclubs gilt das schon mal nicht. Ist ja schön, dass du ein paar Schritte Samstag 10:30 mehr machen möchtest, das zweite Stück Torte weglässt und nur noch nach dem Spiel rauchst, aber das wollen doch alle. Und wenn alle etwas wollen, wie groß ist dann am Ende der Vorteil für den Club in einem Wettbewerb? Wenn dann auf der persönlichen Bucketlist noch steht, dass der nächste Schritt nicht die 10.000 voll macht, sondern in die Premier League führt, merken die Clubs spätestens, dass sie sich auf dem Markt umschauen müssen, um zum Transferschluss nicht als der abgelegte Klotz am Bein der Selbstoptimierer da zu stehen. Da kann ein Bundesligaclub schon einmal ein Äquivalent zum Stück Schwarzwälderkirsch oder der Stange Marlboro Light sein. Wenn sich die Clubs am Anfang der Fresskette nicht vorgenommen haben, sich ins Mittelmaß zu sparen, werden auch ein paar Euro dabei in Umlauf kommen. Keine dreistelligen Millionensummen, aber so 80 Mios können doch ein okayer Betrag sein, mit dem der Geldadel den eigenen Kader vielleicht noch optimieren kann. Zwar liegen dadurch ein bis zwei Kaderleichen auf dem Abstellgleis, die auch mal an die 100 Millionen gekostet haben, aber wenn die nach zwei Jahren die Hoffnungen nicht erfüllt haben, brauchen die Untoten frisches Blut um jeden Preis. Im Kino gibt es gerade ein warnendes Beispiel für die gierigen nimmersatten Sauger. Wenn die Eintracht aus Frankfurt Manchester City mit Omar Marmoush in ihr Bett lockt und mit City so lange feilscht bis der erste Hahnenschrei das Ende des Transferfensters verkündet, liegt Pep mit seinem Scheichclub für den Rest der Saison faulig auf dem Nachtlager rum und muss ein ganzes halbes Jahr warten bis er wieder zubeißen darf. Und bis dahin könnten die anderen Vermögenden wieder eine Zahnlänge voraus sein. Also lieber generös etwas mehr bieten. Der Marmoush sieht ja jetzt auf den ersten Blick auch nicht wie eine Schrottimmobilie in Wisborg aus.        

Kugelbomben und Rohrkrepierer

Die guten Vorsätze sind noch frisch und nachdem das Dubaischokoladegießen an Silvester eindeutig einen Sack Schrauben materialisiert hat, ist doch klar, dass dieses Jahr aber nun mal wirklich mit Sport angefangen werden soll, oder? Die Gyms winken natürlich wenig subtil mit ihren Knaller-Angeboten zum Jahresanfang. Als ob sie unsere Kugelbombe über dem Gürtel schon von Weitem um die Ecke biegen sehen können. Die Vorhersage, dass darauf der verzweifelte Abschluss eines 48-Monatsabos folgt, ist ähnlich schwer zu treffen wie eine Meisterschaft für den FC Bayern. Schön, dass wir Menschen doch in einigen wenigen Dingen immer irgendwie berechenbar bleiben. Und in den ersten zwei Wochen des Jahres sind wir natürlich auch sehr überzeugt, dass unser neues Ich nur ein paar Trainingsminuten entfernt ist. Wie Touristen fluten wir die Studios und nerven die alteingesessenen Locals, die wortkarg und stoisch ihr Programm abspulen, das doch irritierend signifikant von dem abweicht, das uns der Instructor wie lernhungrigen Rekruten eingebläut hat. Die Eingeborenen wirken hier wie Berufssoldaten, die sich lieber nicht die Gesichter der Frischlinge merken, die sich da kriegstrunken freiwillig gemeldet haben. Gib ihnen besser noch keinen Namen. Der Verlust der letzten Mitstreiter an die Couch Ende Januar des letzten Jahres schmerzt noch zu sehr. Immerhin tut es dem Studiobesitzer nicht so weh, der seine Tränen weiterhin mit unseren Geldscheinen trocknen kann, vor allem wenn wir die Kündigungsfrist zweimal knapp verpassen. Aber die Postings mit den abgekämpften Gesichtern kann uns niemand nehmen. Und die beweisen schließlich, dass wir es wirklich ehrlich versucht haben, bevor wir Ozempic googeln. Den guten Vorsatz dieses Jahr endlich wieder regelmäßig Samstag 10:30 zu Kopfgrätschen, können wir natürlich nur von Herzen unterstützen. Das kostenlose Schnupper-Abo bietet jede Woche ein schlechtes Gewissen, das sich durch eine Spielankündigung in Prosa und Beweisfotos einstellt. Auf diesem sieht man Locals und Frischlinge gemeinsam und man kann es als Feldpostkarte zu Hause ausdrucken und als Beweis von der Front an all diejenigen schicken, die einen respektlos in die Wampe knuffen während sie fragen wann man zuletzt beim Sport war. Auf die Rückseite schreibt man dann so was wie: „Hier, sieht das nicht nach echtem Sport aus? Und jetzt lass mich meinen Dubaischokonikolaus fressen!“