Die Gleitzeitigkeit der Dinge

So ein letzter Spieltag ist schon skurril. Da fangen tatsächlich alle zum selben Zeitpunkt an zu spielen und die meisten enden auch zur gleichen Zeit. Gut, manchmal passiert es auch, dass einige im Tal der Ahnungslosen schon feiern, obwohl auf dem anderen Platz noch ein Freistoß im Strafraum ausgeführt werden muss. Aber sowas passiert doch dank des zuverlässigen Nachfolger des Kofferradios (Internet) nicht mehr, oder? Trotzdem kann es natürlich passieren, dass gerade zum Saisonende sämtliche Pyro-Arsenale weggeballert werden müssen. Und dafür könnte eine 15-minütige Halbzeitpause nicht ausreichen. Aber wenn das alle Ultras in allen Stadien gleichermaßen betrifft, kann man sich ja darauf einstellen und gedanklich schon einmal die Nachspielzeit entspannt verlängern. Die Gleitzeit, mit der man quasi 33 Spieltage durch die Saison gegangen ist, gilt aber nicht und es liegen nicht irgendwelche Spieler auf der Couch und rutschen dabei auf Abstiegsplätze oder werden sogar dort Meister. Die Gleichzeitigkeit der Dinge erzeugt jetzt schon Burnout in den Verschlägen, wo alle armen Pushnachrichtenerzeuger zu diesem Zeitpunkt der Entscheidungen einkaserniert sind. Zum Glück kommen sie mit einem Wortschatz von ca. 20 Wörtern aus und der stammt zum Großteil aus dem Baumarkt (Hammer!). Danach ist aber für alle gleichzeitig Schluss und Profis und Amateure treten sich auf Malle und Ibiza gegenseitig auf die Füße. Nur die Frühbucher, die diese Woche schon ihre erreichten Saisonziele begossen haben, können antizyklisch agieren und tragen am letzten Spieltag lediglich das Trikot der neuen Saison zum Ausnüchtern über den Platz. Wir versuchen das mit dem gleichzeitigen Beginn Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 wieder. Vor dem Austeilen der Leibchen und nach dem Foto ist natürlich trotzdem wieder eine gewisse Gleitzeit zu erwarten. Und mittendrin wahrscheinlich auch. Ich schicke auf jeden Fall trotzdem schon mal meine Standard-Pushnachricht, dass ich dabei bin. Wann genau? Schon zur Übergabe der Dankeschöngrafiken? Während der Spielunterbrechung wegen schlechter Sicht? Oder erst zum Platzsturm? Naja, selbst wenn man erst beim Daydrinking in Halbzeit drei auftaucht, gilt es noch geradeso als Teilgenommen.   

Praise the Lords of Chaos

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das erzählt jede Standesbeamtin jeden Tag circa 5 mal. Und weil es aber auch nervig ist zu lange auf den Anfang zu warten, kann man ihn auch vorziehen, indem man den Trainer nicht erst zum Saisonende rauswirft. Zwei Spieltage vor Schluss wirkt ein wenig, wie wenn man den lauffaulen Zehner noch vor der Halbzeitpause demonstrativ auswechselt. Aber niemand ist gezwungen bis zum Ende zu leiden, nur damit man sagen kann: wir werden uns nach der Saison zusammen setzen und alles knallhart analysieren. Da weiß man doch schon, was bei raus kommt. Also neuer Besen sofort und dann wird ein wenig Chaos aufgewirbelt. Hat man sich auch in Köln im Schatten des Doms gesagt und einen Mann reaktiviert, der ungelogen älter als der neue Papst ist. Das Pontifikat Funkel muss ja auch nicht ewig dauern, Hauptsache der Effzeh kommt in dieser Saison noch in den Himmel, also in die Bundesliga. Zwei Spieltage reichen bis zur Seligsprechung. Danach wird sich schon ein anderer Trainer finden, schließlich werden die Arbeitsagenturen gerade mit Übungsleitern geflutet. Da wird doch was dabei sein. Z.B. Markus Anfang, dem als gebürtigen Kölner der Karneval super wichtig ist und dem am Anfang seiner Beschäftigungsverhältnisse oft ein gewisser Zauber inne wohnt. Bis zum Ende der Saison hat dieser auch bei ihm in Kaiserslautern nicht angehalten, weshalb er vor zwei Spieltagen ersetzt wurde. Beim ersten Spiel von Torsten Lieberknecht als neuen FCK-Trainer vor zwei Wochen, sprach der damaligen Schalke-Trainer Kees van Wonderen in die Mikrofone, dass er es schade finde, dass so ein Trainerwechsel kurz vor Schluss tatsächlich mit einem Sieg für Kaiserslautern belohnt wurde. Eine Woche später dachten sich seine Vorgesetzten auf Schalke: ach komm, das versuchen wir auch. Man muss mal gucken wie stark die Chaoswirkung durch einen neuen Trainer tatsächlich ist, wenn es alle gleichzeitig versuchen. Ein bißchen so, wenn Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 alle fünf Minuten neue Kopfgrätscher auftauchen und man innerhalb von Sekunden von 2, auf 3, auf 4 Teams mit 4+1 oder 5+1 oder doch mit Wechslern wechselt. Das Gute dabei: es wirkt jedesmal wie ein neuer Anfang von Zauberhand. 

Reich und weit bringt Sicherheit

Na, habt ihr noch eine Spielankündigung auf Halde liegen, die euch an die Spielzeiten auf Vorrat erinnert? Nachdem in dieser Woche Spanien, und Teile Portugals und Frankreichs einen Blackout erlebt haben, fragt der Deutsche natürlich zuerst was das für ihn bedeutet. Und während alle anderen den Engpass haben, haben wir die Angst davor. Die größte Angst der Deutschen ist schließlich immer noch die Reichweitenangst. Ob das E-Auto, der E-Roller, das E-Rad oder das Smartphone – dauern kommen wir ins Schwitzen, wenn wir Angst haben, dass wir mit dem halbvollen Akku es nicht mehr bis nach Hause schaffen. Als alles noch mit fossilen Brennstoffen lief, konnte man sich damit beruhigen, dass man mit einem Stückchen Schlauch und einem Pfefferminzbonbon sich jederzeit irgendwie einen Nachschlag holen kann. Deshalb gucken wir diese Woche noch einmal genauer nach, ob alle Vorräte bei 100% sind. Ist die Wasserflasche voll? Ist noch genug Sonnencreme in der Tube? Ist ausreichend Luft aufm Ball? Ist das Drittehalbzeit-Bargeld aufgefüllt? Jeder Engpass kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass sich der Spielbeginn Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 verzögert. Und in der Folge werden eventuell Anschlusstermine verpasst. Da haben wir schließlich auch ein Trauma von der Deutschen Bahn. Die fährt immerhin elektrisch, hat aber eine dauerhafte Stromversorgung. Sonst würden wir ja da überhaupt nicht einsteigen. Aber bei einem Blackout würde sie auch einfach stehenbleiben. Die Spanier mit dem deutschen Trainer haben in dieser Blackout-Woche ziemlich eindrucksvoll im Classico den Copa del Rey gewonnen und dann hatten sie immer noch genug Graugans-Energie für ein 3:3 gegen Inter im Champions-League-Halbfinale. Das mit den Graugänsen vom Hansi haben seine Landsleute nicht gewürdigt und ihn vom Hof gejagt. Sie winkten ihm mit einem Stück Schlauch hinterher. Immerhin war ihr Atem frisch. 

Urbi et Torbi

An einem quasi spielfreien Tag hat Jorge Mario Bergoglio die Augen zugemacht und nicht wieder geöffnet. Die katholische Gemeinde verlor ihren Chef, aber auch der CA San Lorenzo de Almagro muss nun auf ein zahlendes Mitglied verzichten. Am Ostersonntag waren die Kicker aus Almagro in Buenos Aires noch in der Torneo Apertura Zona B gegen Riestra gefordert. Das 0:0 reichte immerhin, um vor River Plate auf dem dritten Platz zu bleiben. Ob der Papst sich das spätabends noch angesehen hat, ist unwahrscheinlich, weil er wohl länger kein Fernsehen mehr sah. Aber als treuer Anhänger hat er den Club zeitlebens begleitet, ließ sich von der Schweizer Garde regelmäßig die Ergebnisse tickern und nannte San Lorenzo einen Teil seiner kulturellen Identität. 1908 wurde der Verein von einem Priester gegründet und aufgrund der Farbe seiner Soutane werden sie Cuervos „die Raben“ genannt. Die Vereinsfarben sind dennoch blau und rot. Bergoglios Mitgliedsnummer bei San Lorenzo war 88235, weshalb er natürlich im Alter von 88 Jahren, um 2.35 Uhr argentinischer Zeit verstarb. Als Pfarrer in Buenos Aires segnete er die Mannschaft vor Spielen mit mäßigem Erfolg, weshalb ihn Coach Alfio Basile einst als Seuchenvogel verbannte. Aber kaum war er Papst Franziskus gewann San Lorenzo 2014 die Copa Libertadores. Und darauf kann man als Anhänger beim nächsten Konklave doch nur hoffen: einen dicken Fuß in des Vorzimmer des Fußballgottes zu stellen, damit er den eigenen Club gar nicht mehr übersehen kann. Nicht umsonst werden seit jeher zu Audienzen unzählige Trikots und Schals wie Ikonen in den Vatikan geschleppt. Über Papst Johannes Paul wurde auch stets erzählt, dass er Schalke-Mitglied wäre, nur weil er bestimmt einige blau-weiße Fanshop-Sortimente in die Höhe halten musste. Natürlich wird San Lorenzo am Wochenende in einem Sondertrikot spielen und nach Franziskus wird nun das neue Stadion benannt. Der Hand Gottes wurde diese Ehre schließlich auch zuteil. Seit 2020 trägt das Stadion in Neapel den Namen Diego Maradonas. Ich hoffe ihr bekommt den Segen für die Kopfgrätsche Gottes Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00.

Steamboat Vasa

Wie lange haben die jetzt an dem Bötchen rumgepuzzelt? Egal nu isses fertig und es kann an die Sonne. Da das Ausdocken natürlich parallel zum Kopfgrätschen Samstag 10:30 stattfinden muss, stellt Christoph seine Kamera diesmal nicht am Platz auf. Ein Zeitraffervideo bietet sich dennoch an, weil dann sieht das einfach viel schneller und dynamischer aus. Wir wissen wovon wir reden. Man kann nur hoffen, dass dem Schiff das Schicksal der Vasa vor 400 Jahren im Stockholmer Hafen erspart bleibt. Für das Video wäre es natürlich weitaus spektakulärer. Und so wie man beim Kopfgrätschen hofft, dass eine absolut unerwartete Situation mit einmal für die Nachwelt festgehalten wird, könnte auch die Disney Adventure mal etwas anbieten. Allerdings ist davon auszugehen, dass bei der Konstruktion etwas genauer nachgerechnet wurde als damals in Schweden. Zwei Kanonendecks mit 64 Kanonen waren dann doch etwas zu viel. Das war quasi die Achterbahn der Vasa. Den Stabilitätstest von damals – bei dem 30 Mann auf dem obersten Deck hin und her rennen mussten – könnten wir nach dem Kopfgrätschen noch unterstützen. Gebt uns einfach einen Ball und der Elchtest kann beginnen. Bei der Vasa brachte dieser Test das Schiff schon beinahe zum Kentern und wurde abgebrochen. Trotzdem wurde die Jungfernfahrt am 10. August 1628 gewagt. Die Kanonen feuerten Salutschüsse aus den rundum geöffneten Stückpforten. Langsam lief das größte Kriegsschiff der Welt aus dem Hafen aus. Plötzliche Fallwinde führten dazu, dass es sich auf die Seite legte und durch die geöffneten Stückpforten strömte Wasser in den Rumpf. Die Vasa sank. Falls es bei der Disney Adventure doch schief geht, lockt die Aussicht auf ein GlobalDream/Disney Adventure-Museum in 400 Jahren. Auf Djurgården ist das Vasa-Museum nicht mehr die alleinige Attraktion seitdem Djurgårdens IF gestern ins Halbfinale der Conference League eingezogen ist. Das sollte uns doch für die nächsten 400 Jahre Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 motivieren.       

The Trend is your End, my Friend

Wir nehmen ja sonst gerne jeden kleinen Trend mit, damit das Mannschaftsfoto nicht seit Jahrzehnten immer gleich aussieht. Nun, gleich kann es im Grunde eigentlich nicht aussehen, dagegen sprechen die Gesichter und die Anzahl der Teilnehmer. Wir bei den Profis gern gejammert: sie konnten in dieser Saison nicht zweimal mit der gleichen Mannschaft auflaufen, können wir das quasi als Regelfall einpreisen. Deshalb lohnt es sich auch immer mal wieder in den Fotos zu wühlen und überraschende Motive hervorzukramen. Guck mal, der hat mal mitgespielt. Oder: da war er noch jung und unverbraucht. Und das sind nur die Urteile über den Ball, der manchmal auch mit aufs Bild darf. Wenn es das zimmergleiche Motiv wäre, könnte man ein prima Daumenkino machen, um den Zahn der Zeit plakativ an uns nagen zu lassen. Aber die Diversität jeden Samstag (10:30) und Mittwoch (18:00) verhindert das. Trotzdem ist die Frage nach dem Spiel obligatorisch: Haben wir ein Motto? Manchmal liegt etwas Saisonales auf der Hand oder ein Internet-Trend drängt sich geradezu auf. Da diese Trends aber inzwischen nur noch die Halbwertzeit von einem Vormittag haben, sind wir natürlich chronisch zu spät, um wirklich ein Teil des Hypes zu sein. Den Harlem Shake oder die Ice Bucket Challenge konnte man noch zwei Wochen ignorieren bis man sie dann doch zum Bildthema gemacht hat. Inzwischen reicht es in der Postproduktion kurz die KI drüber laufen zu lassen. Trotzdem war der Ghibli-Studio-Trend schneller verglüht als die Zündschnur von Uli Hoeneß. Aber dieser Mist mit den Action Figuren, der zeitgleich entstanden ist, will irgendwie nicht aufhören. Noch zwei Wochen und ich werd weich. Als Zusatzutensil muss dann aber wenigstens die Ice Bucket in der Packung dabei sein.    

Happy Meal Feet

Der Tabellenrechner läuft langsam heiß. Das nahende Saisonende könnte man an zwei Händen abzählen, trotzdem ist es einfacher mit einer Kicker-Stecktabelle. Oder mit einer großen Tafel wie sie Donald Trump gerade überall hochhält. Aber die scheint wenig flexibel. Wenigstens mit Magneten hätte man da arbeiten können. Vor allem weil sich da doch täglich etwas ändern kann. Momentan sind wir beim POTUS auf Vizekusen-Kurs, aber das heißt ja nicht, dass wir uns nicht gegen Arminia Lesotho blamieren können. Oder diese Insel mit den Pinguinen. McDonald Island. Die offensichtlich nur dabei sind, weil die zu wenig von Onkel Donalds Lieblingsrestaurants eröffnet haben. Früher konnte man dort immerhin angehende Europameister treffen wie einst die Dänen 1992. Aber seitdem dort eigentlich nur noch Trump und Söder abwechselnd in die Burger spucken, sind die Golden Arches in der Nährwerttabelle auf den Relegationsrang abgerutscht. Als Überraschung im Happy Meal, das damals noch Junior Tüte hieß, hatten die Dänen neben dem EM-Titel auch noch Grönland gewonnen. Die Krone Europas ist im Vergleich zu dieser Insel sicher nicht mehr ganz so viel Wert. Die nächsten großen Titelträger als Club- und Nationen-Weltmeister werden schließlich schon bald in den USA produziert. Die Produktion von Kopfgrätschen wird trotzdem exklusiv Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 hier lokal durchgezogen. Selbst wenn wir damit wahrscheinlich die letzte echte Werkself sind, die neben Wolfgang Grupp und dem Trigema-Affen ausschließlich in Deutschland produziert. Das Weltniveau, auf dem Bauch mit dem Kopf voran Richtung Ball und Gegner zu rutschen, macht uns so leicht doch niemand nach. Das trauen wir maximal noch den verdammten McDonalds-Pinguinen zu.