Yes Caroline, I can Samba

Am Ende haben sie noch einmal alles versucht. Aber auch Peter Maffay konnte es nicht mehr rumreißen und statt sieben Brücken schaffte Die Mannschaft schließlich nur drei. Von der nächsten stürzte sie die Startnummer 4 mit „Sweet Caroline“ von Neil Diamond aus dem Jahre 1969. Die hatte vorher auch schon einen anderen Klassiker aus dem Weg geräumt. Mit „Yes Sir, I can Boogie“ von Baccara von 1977 waren die Schotten an den Start gegangen. Leider kamen sie damit nicht über die Vorrunde hinaus und mussten „Sweet Caroline“ weiter ziehen lassen. Nun steht tatsächlich das Finale der großen Schlagersause an. Die Italiener bringen „A far l‘amore comincia tu“ mit ins Endspiel. 1976 hatte Raffaella Carrà damit einen Mega-Hit. Nachdem Giorgio Chiellini die Spanier quasi im Alleingang aus dem Elfmeterschießen geherzt hatte, tönte dieser Gassenhauer zu Ehren der kürzlich verstorbenen Sängerin durch Wembley. In Deutschland kennt man ihren größten Hit vor allem in der Version von Tony Holiday unter dem Titel „Tanze Samba mit mir“. Holiday, der eigentlich Rolf Peter Knigge hieß, hätte Deutschland vielleicht noch ins Finale singen können. Nur leider ist er schon seit 21 Jahren tot. Das ist das Risiko bei dieser Oldieparade. Wenigstens Neil Diamond geht es gut und er kann im Finale die Daumen drücken. Dass er es wirklich bis ins Finale geschafft hat, ist ein kleines Wunder. Aber nicht aufgrund seines Alters. Sein Song wird eigentlich nur in Stadien gespielt wird, weil Caroline ähnlich wie Norn Iron klingt, wie die Fans von Nordirland umgangssprachlich ihr Land nennen. Die Nordiren singen „Sweet Caroline“ regelmäßig seit sie 2006 in der WM-Qualifikation ausgerechnet gegen England gewannen. Schaltet auch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:30 wieder unsere Hitparade ein. Denn diese Liebe, Liebe, Liebelei – nein, die geht nicht so schnell vorbei.

Liegen ohne rot zu werden

So jetzt ist es aber wirklich gut hier. Dieses unverantwortliche paneuropäische Turnier muss ein Ende haben. Wir sind nicht mehr dabei, im Gegensatz zu acht anderen unwichtigen Ländern, die in 7 Spielen noch unbedingt herausfinden wollen, wer angeblich der Beste ist. Ohne uns ist das doch ein Muster ohne Wert. Wie beim ESC hat dieser undankbare Kontinent uns keine Punkte beschert. Stattdessen müssen wir wie Österreich den Rest des Sommers im Regen und ohne Schland-Jubel beim Grillen verbringen. Danke für nichts, Europa. Wenigstens moralisch sind wir doch der Europameister der Herzen. Nicht wie diese Engländer, denen Europa so egal ist und die dennoch diesen Titel haben wollen. Dafür machen sie in London das Stadion mit bierbäuchigen und rothaarigen Astra-Zeneca-Impflingen voll und lassen sogar die Kinder rein. Also dieses eine, diesen Knirps im Sakko, der mal König werden soll. Der sitzt nach den Ferien wieder in der Schule und steckt alle an. Das können wir nur verhindern, indem wir verbieten, dass die Engländer nach dem Turnier noch ihren Titel mit Sonnenbrand auf unseren Mallorca-Liegen feiern. Das können sie schön im Nieselregen von Brighton machen, während wir im Bierkönig die ersten olympischen Medaillen im Reiten und Schießen begießen. Diese sogenannte Europameisterschaft war doch sowieso ein Witz. Wichtig ist die in drei Jahren im besten Land der Welt. Huch, das ist ja zufällig unseres. Dazwischen gibt es noch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:30 Kopfgrätsche und irgendein Vorbereitungsturnier in einem Wüstenstaat. Da fahren wir zwar hin, aber nur um ein paar Prospekte für 2024 zu verteilen und ihnen den Kunstrasen zu zertrampeln. Wer da Weltmeister wird, interessiert doch keine Sau. Falls niemand sonst will, halten wir ihn natürlich kommissarisch und uneigennützig wie Dr. Rainer Koch warm. Vorzugsweise auf einer mallorquinischen Liege.  

Über den Klampf zum Spiel

Erschreckende Bilder aus dem Quartier der Nationalmannschaft! Soweit so normal. Jede Unterkunft bei jedem großen Turnier bietet Stoff für abendfüllende Märchenfestivals. Was hat man nicht schon alles erlebt? Der Geist von Spiez 1954, die Gelage am Schlucksee 1982 und dazwischen ganz viel Bohnerwachs und harte Doppelstockbetten in der Sportschule Malente. Ein ewiges Katz- und Mausspiel zwischen den Disziplinwächtern und den Spielern, die jedes Loch im Zaun für heimliche Sauftouren ausnutzen. Seit dem aber Oliver Bierhoff im klassisch englischen Hotel Mottram Hall in Prestbury bei Manchester zum Golden Boy von 1996 reifte, wird unter seiner Regentschaft bei der Quartierwahl nichts dem Zufall überlassen. Zwischen Campo Bahia (WM-Titel) und Watutinki (Vorrundenaus) war eigentlich schon alles dabei. Inzwischen ist aber nicht mehr wichtig, wo sich die nächste Kneipe befindet. Hauptsache das WLAN ist stabil genug. Das sollte auf dem Adidas-Campus in Herzogenaurach gegeben sein. In den täglichen Instastories muss man dann aber leider sehen wie die verwöhnten Jungprofis im Haus Platon die Akustikgitarren mit Liedern aus dem Anfängerkurs quälen statt sich anständig auf der Playstation vorzubereiten. Und was wollen sie uns mit der Liedauswahl sagen? In What’s Up heißt es schließlich: „25 years of my life and still. I’m trying to get up that great big hill of hope, for a destination“. Und wer wurde vor 25 Jahren Europameister? Golden Oli hat auch diesmal nichts dem Zufall überlassen. Ich soll euch noch von ihm folgende Akkorde durchgeben: Samstag 10:30 und Mittwoch 18:30. Ihr wüsstet schon bescheid.

Bottle of Britain

Bei diesem Wetterchen sollte man stets auf Mario Basler, den Schutzheiligen der Dehydrierten, hören und genug trinken. Vielleicht kann man Samstag 10:30 und Mittwoch 18:30 noch etwas Fußball spielen, aber eher so auf die Basler-Art. Bloß nicht zu viel laufen und lieber die Standardsituationen nutzen, um zu glänzen. Und falls man beim Eckball einen Hut angeboten bekommt, kann man den ruhisch uffsedse. Des schadd nix. Als wir des ledzde mal Eurobbameisde geworde sinn, drübbe in England, da war de Mario mid dabei un had uffgebassd, dass de Oliver Bier(!)hoff, de Domas Helmer un auch de Domas Strunz immer Nachschub mit volle Flaschen an de Hodelba von Moddräm Hoall hadde. Na klar, Andi Brehme, Thomas Berthold oder Effe waren ja nicht mehr dabei. Mario machte zwar vor dem Turnier mit seinem Wechsel zu den Bayern die größten Schlagzeilen, aber sportlich konnte er aufgrund einer Verletzung nicht eingreifen. Liebend gern hätte er sich wie Gazza beim Jubel gegen Schottland auf den Dentist Chair gelegt. Aber am Tag des zweiten Vorrundenspiels gegen Russland flog er nach Hause, weil er im Training den russischen Star Andrej Kanchelskis doubeln sollte und Christian Ziege ihn im Zweikampf kaputt trat. Danach doubelte er nur noch den russischen Präsidenten Boris Yelzin mit dem nach ihm benannten Getränk zu Hause auf der Couch und wartete auf seine Medaille. Laut seiner Biographie „Eigentlisch bin isch ein subber Düb“ tut er das bis heute.

Warten auf Guetta

Vor fünf Jahren war die Welt noch in Ordnung und wir im klassischen EM- / WM-Rhythmus. Wir jubelten wie die Isländer und trafen uns draußen nicht für Gastro sondern PokemonGo. Wir merkten uns mit der Jahreszahl den Austragungsort, den Gewinner und was sonst noch so in dem Jahr passierte. Ronaldos Tränen, Meister Eder, das erste Ende von Zlatans Nationalmannschaftskarriere. Die EM-Hits, die heute noch jeder unter der Dusche mitsingt. Nee, ohne Scheiß ich musste sie natürlich noch mal googeln. „This one’s for you“ von David Guetta feat. Zara Larsson war der offizielle Liedbeitrag? Früher war mehr David Guetta und die Haare waren auch noch länger. Als gebürtiger Pariser durfte er sogar die Eröffnung pompös musikalisch untermalen. Mit zehntausenden Menschen auf dem Champ de Mars. Und als ob das noch nicht schlimm genug ist, durfte er vor dem Finale den Song auch noch einmal im Matchup mit Seven Nation Army aufführen. Zur Strafe coachte Ronaldo die Portugiesen zum Sieg. Und was dröhnt in diesem Jahr aus den Boxen? Für „We are the people“ von Martin Garrix feat. Bono und The Edge müssen die Iren aber vorerst nichts befürchten. Das Team ist leider nicht qualifiziert und Dublin wurde ein paar Wochen vor Turnierstart durch St. Petersburg ersetzt. Schade um die Textzeile: „We are the people of the open hand. The streets of Dublin to Notre Dame. We’ll build it better than we did before. We are the people we’ve been waiting for.“ Wir waiten auch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:30 wieder auf People, die mit uns out of the ruins of hate and war from a broken place den Victory winnen.

In einem Schland vor unserer Zeit

In einigen Jahrzehnten sitzen sie da, die Fußballnerds und schwelgen in den guten alten Zeiten. Damals, als man noch zu jedem Turnier knuffige Hashtags erfand, unter denen man kleine Text- oder Witzbildbotschaften ins WWW postete, um mit echter Freude, ehrlicher Enttäuschung oder einfach nur noch mehr nerviger Nerdexpertise den Moment zu flankieren. Leider waren diese Botschaften ziemlich flüchtig, so dass nur die versiertesten Kenner und Sammler sich überhaupt an sie erinnern können. Gäbe es da nicht diesen alten klapprigen ehemaligen Mannschaftsbus, der in Patagonien als Hühnerhotel genutzt wird, würde sich wohl niemand an den avantgardistischen Dada-Hashtag #zsmmn erinnern, der stumpf und verblichen in seinem kryptischen Purismus ganz ohne LEDs auf den Seiten dieses fluguntüchtigen Verbrennervehikels prangt. Über die Bedeutung streiten die „Gelehrten“ im Doppelpass noch heute. Noch schwieriger verhält es sich mit der sagenumwobenen Formel „Jogis Jungs“, der aus einer besseren Zeit zu stammen scheint, in der noch echte Werte wie Team- und Sportsgeist über dem ungezügelten Kommerz standen. In schlechtaufgelösten 4K-Videos lässt sich dieser Schriftzug auf Tribünen erkennen, auf denen aus unerfindlichen Gründen nicht ein Zuschauer zu sitzen scheint. Lange suchte man in Deutschland und Dänemark vergeblich nach Spuren dieser Hieroglyphen, verglich in aufwändigen Tiefenscanns Baupläne von Stadien mit den Aufnahmen, doch am Ende führte die Spur ins ehemalige Österreich (heute Red-Bull-County). Für Fußballarchäologen ein echter Coup. Zum wahren Vergnügen dieser Experten lassen sich auch heute noch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 lebende Fußball-Fossilien auf einem Unterwasserplatz in der Region der einst überspülten Siedlung Wismar beobachten. Sie wurden wissenschaftlich umstritten der Gattung der Kopfgrätschler zugeordnet und sind zu diesen unerklärbaren Zeiten beim Rudern mit ihren Gliedmaßen zu sehen sobald ein Ball in ihre Nähe kommt. Die Fachwelt steht vor einem neuen scheinbar unlösbaren Rätsel, das nicht einmal in den Hashtag-Archiven nennenswerte Erwähnung findet.    

Nord-Nord-Nord-Deutschland

„Das alte Stadion am Stadtrand vergessen 
Das Kapital hat ein Stück Tradition gefressen
Leidenschaft kennt keine Liga
Der harte Kern kommt immer wieder
Die Ränge zerfallen, alles marode
Doch dieses Gefühl kommt nie aus der Mode

Im Finale der englischen Wochen
Hat es ihnen die Herzen gebrochen 
Im Zugabteil nur stumme Begleiter 
Doch das Leben geht weiter“

Erik Cohen (früher bekannt als Jack Letten bei der Hardcore-Band Smoke Blow) veröffentlichte den Song Englische Wochen als Reaktion auf das Scheitern von Holstein Kiel (an 1860 München) in der Relegation zur 2. Liga 2015. Super Timing, denn ein paar Wochen nach dem Release 2018 stand die nächste Relegation für Holstein an. Diesmal um den Aufstieg zur 1. Liga. Wiederum war der klassenhöhere Gegner (VfL Wolfsburg) zu stark für die Störche. Im bewährten Dreijahresrhythmus muss der letzte Mohikaner aus dem Handballbundesland in einer weiteren Relegation bestehen, damit nicht am Ende Hertha BSC die unerfüllbare Rolle als Nordclub in der ersten Bundesliga zufällt. Nicht nur deswegen hoffen viele, dass es diesmal gegen Köln klappt. Auf jeden Fall sind die vielen englischen Wochen von Holstein so inspirierend, so dass es auch uns nach Samstag 10:30 auch Mittwoch 18:00 wieder auf den Platz zieht. Zum Auftakt unserer eigenen englischen Wochen.

Passe dich kurz!

So, was machen wir nun als erstes? Wochenlang hatte man Zeit für die Fomo-Bucketlist und nun steht man natürlich unvorbereitet da. Also vielleicht lässt man erst einmal die Dinge sein, die man auch machen konnte als nix ging. Marco Reus will sich trotzdem angeblich erst mal ausruhen. Ob er das im Biergarten, im Kino oder beim Au-Pair-Urlaub auf Sylt macht, ist noch offen. Nur ins Fußballstadion will er nicht. Bei dem Run auf die begrenzten Plätze ist das mehr als verständlich. Die Verknappung freut den Schwarzmarkt und die Leute aus der Schlange vorm Impfzentrum trifft man morgen in der Schlange vor dem Mokka-Milch-Eis- oder Broiler-Bar wieder. Nur, dass dort dann die Stimmung nicht mehr ganz so gut ist. Kau schneller Genosse! Fasse dich kurz! Auch von den 26 Nominierten für die Euro2020 können am Ende nur 11 zeitgleich spielen. Deshalb sitzen immer 15 draußen und trampeln 90 Minuten mit den Füßen. In der Zeit kann der Gastronom den Tisch dreimal vergeben, wenn er die Karte konsequent auf Kölsch und Espresso umstellt. Beim Kopfgrätschen am Samstag ist Sharing am Ende auch Caring. Schließlich soll jeder mal die Chance auf das Spielgerät haben. Maximal fünf Ballberührungen pro Spieler, dann kurze Espressopause oder ein Ingwershot auf die Torwand. Besser jeder bringt neben dem eigenen Ball auch noch die eigene Kaffeemaschine mit.

The Expendaballs

Jetzt kommt es auf die Alten an. Endlich muss man fast sagen. Bevor die Alten immer jünger werden, können sie mit ihrer erfahrenen Köpfen und durchgeimpften Körpern noch mal den Karren aus dem Dreck ziehen. In diesen haben sich die Jungen 30 Spieltage lang akribisch mit ihren „Innovation“ reingegraben. Aber kurz vor Schluss müssen die Experimente ein Ende haben. Da fährt man besser mit bewährten Krisenmanagern. Friedhelm Funkel und Horst Hrubesch sind die Expandables und sie werden beweisen, dass es die Alten es nach wie vor drauf haben. Die Schrebergärten und Boule-Bahnen im Park sind aber immer noch voll mit gelangweilten Senioren, die aktuell keine Kaffeefahrten und Bingo-Megaevents wahrnehmen können. Jeder Club hat doch seinen verdienten Opa im Schrank, der jederzeit heiß darauf ist die Angelrute in die Ecke zu pfeffern, um den Jungen noch mal so richtig bescheid zu geben. Noch ist etwas Restsaison übrig. Und danach kann man immer noch aufs Kreuzfahrtschiff humpeln. Nur ein kurzer Anruf auf dem Festnetztelefon und Aleksandar Ristic, Thomas Schaaf, Otto Rehhagel, Hans Meyer und Huub Stevens holen das Kopfballpendel und die Medizinbälle aus der Doppelgarage. Nur die Nummer von Jupp Heynckes kann man inzwischen nur noch aufwändig übers Zeugenschutzprogramm in Erfahrung bringen.