Im Farbfilm getrennt

Für die Farben, die uns der Fußballplatz aktuell so anbietet, würde der schwarz-weiß Film ausreichen. Schmutzige Schneereste wechseln sich mit schwarzen Löchern ab und auch sonst eignet sich das Tageslicht nicht für lange Belichtungszeiten. Aber was soll’s, wir werden dennoch versuchen Samstag 10:30 ein paar zarte Farbtupfer zu hinterlassen. Für einen Zapfenstreich sind wir noch nicht bereit. Den Farbfilm könnten wir aber nicht mehr nehmen. Nina Hagen mag das Lied ja sowieso bekanntlich nicht und würde bestimmt lieber „Eisern Union“ hören. Das passt zwar irgendwie auch zur Altkanzlerin, dafür könnte aber ein verdienter Mitspieler etwas dagegen haben, obwohl die Zeile „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?“ es durchaus mit „Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da“ aufnehmen kann. Damit fühlen sich Mini-Fahrer naturgemäß eher angesprochen. Man kann aber diesem Orchester der Bundeswehr sowieso nur schwer irgendwelche Sonderwünsche abverlangen. Seit Jahrhunderten wird dort die selbe Setlist getrötet. In jedem Jahrzehnt kommt maximal ein neuer Titel dazu. Wer nicht „Oh, du schöner Westerwald“ hören möchte, wird vom Dirigenten hilfloser angeguckt als vom DJ im Berghain, wenn man sich Helene Fischer wünscht. Du willst was Populäres? Nimm „Smoke on the Water“. Das haben wir vor 40 Jahren mal geübt. Vielleicht ist der Instrumentenkasten auch ein Problem. Nehmt doch mal ein Saiten- oder Tasteninstrument dazu. Aber in dieser Hinsicht wird man wohl schneller beim DFB Reformen erwarten können. Besser der neue Kanzler freundet sich schon einmal mit „My Way“ oder „Smoke on the Water“ an. Das passt doch irgendwie auch zu brennenden Autos in Hamburg 2017.    

Spielglück und Talentsägen

Bein aufsägen und Jahresringe zählen. Das war damals der launige Vorschlag als man Otto Pfister fragte, wie man denn herausfinden könne wie alt Anthony Yeboah wirklich sei. Da merkte man, dass die Qualität leider nicht komplett ausreicht, um den Marktwert von Fußballern zu bestimmen. Das Alter sorgt tatsächlich dafür, dass edle Weine wie Messi, Ronaldo und Zlatan unter 100 Mio bewertet werden. Und auch bei unserer Kopfgrätsche-Eiche Christoph verraten die Jahresringe, dass sein Marktwert nun etwas aus Altersgründen abgewertet werden muss. Aber im Gegenzug bekommen wir mehr Gewissheit, dass die Wurzeln sich so stark ins Erdreich gegraben haben, dass er nicht gleich beim erstbesten Angebot eines neureichen Plastikclubs das Weite sucht, um den nächsten Schritt von seinem Karriereplan umzusetzen. Er hat eben als Kind nicht in spannender Projektbettwäsche gepoft und von maximal Wismarena geträumt. Und das Beispiel Messi ist ihm hoffentlich eine zusätzliche Warnung. Natürlich kann man nach Jahrzehnten Vereinstreue noch einmal etwas Neues ausprobieren, aber leider gucken die Fans ziemlich genau hin wie man sich bewegt, wenn man ein neues Trikot trägt. Da fällt es beim Zusammenschnitt der Amazing Goals and Skills Videos für Youtube ziemlich schnell auf, falls man zwischendrin ein kleines Schaffenspäuschen macht und meditierend durch den Mittelkreis schlendert. Also schauen wir lieber auf die historischen Archivaufnahmen und mixen die sorgsam dosierten Highlights von Samstag 10:30 einfach dazwischen. Hoffentlich ist eine Jubelsäge mit dabei. 

The Real Peaky Baumi

May I have your attention, please? Guck mal, Kloppo ist wieder da. Also nicht das Original. Die Marke Klopp ist nur noch für Premier League Clubs erschwinglich. Aber es gibt doch diesen Klon aus seiner Rippe, der die Sehnsucht nach proletarischer Emotionalität stillt wie kein Zweiter. Eigentlich orientiert sich Steffen Baumgart stilistisch schon seit Spielerzeiten an Eric Cantona und seinem hochgestellten Kragen. Und seit dieser Saison ist die Verehrung durch seinen Peaky-Blinders-Look nicht mehr zu leugnen. Wenn man dann auch noch den Preis für den Fußballspruch des Jahres abräumt, ist klar: hier kommt die nächste Kultfigur, die zeitnah bei Matze Knop und Oliver Pocher im Repertoire landet. Schiebermütze, Bart, breitbeinig rumbrüllen – wer das liegenlässt, hat in der Jörg-Knör-Masterclass gepennt. Im Karneval sind sämtliche Schiebermützen rund um Köln ausverkauft. Sogar Anthony Modeste versuchte am letzten Wochenende eine als Torprämie zu ergaunern. Zum Training am 11.11. lief Steffen Baumgart dann wie Eminem bei dem MTV Video Music Awards 2000 ein, im Schlepptau eine Entourage seiner Klone und er selbst im Schweinhornkostüm. Wenn jetzt schon die Klone vom Klon unterwegs sind, dann ist der Kult nicht mehr zu stoppen. Da müsste der Sessionsauftakt schon die letzte Karnevalsveranstaltung gewesen sein. Aber wer kann schon herzlos das zarte Band der Hoffnung für die Narren kappen? Auf der einen Seite rollt zwar Viva Coronia, aber auf der anderen Seite spielt doch am nächsten Spieltag Mainz gegen Köln. Zur Sicherheit kopfgrätschen wir das Samstag 10:30 schon einmal vor. Gegen die Kälte hilft immerhin, den Kragen hochzuschlagen.

Kunst kommt von Können

Vorgestern kam die Nachricht, dass ihr euch diesen saftigen Kunstrasenplatz, den ihr euch gegönnt habt, nur noch schmachtend durch den Zaun angucken dürft. Allzu lang musste er das Rumgestolper der Untalentierten ertragen. Die riesigen Tore haben nicht verhindern können, dass ziemlich häufig größere Expeditionen mit Macheteneinsatz nötig waren, um die Bälle aus der angrenzenden Botanik zu befreien. Dabei traf man nicht selten auf längst verschollen geglaubte Völker, die ganze Schiffe durch den Dschungel transportierten. Das war aber glücklicherweise meistens doch nur ein Zeichen dafür, dass man bei der Ballsuche zu nah am Hafen gelandet war. Dennoch zeigt es ganz gut, dass unsere Schusstechnik einfach nicht reif genug ist für das Profigeläuf. Vielleicht hat aber auch nur irgendein zwielichtiger Amateur sich nicht beherrschen können und die goldenen Wasserhähne im Dixi abgeschraubt. Wie der Lambo in der Garage liegt der Kunzer deshalb nun da und erwacht ausschließlich für sauber geputzte Vereinssohlen, deren Kinderstube und Sportsmanship direkt vom Schiedsrichter bewertet und sanktioniert werden kann. Wir dürfen Samstag 10:30 nur noch den Ball aus den Kratern des Gummis statt aus dem Netz holen. Jeder sollte sich hinterfragen, ob er in den anderen 166 Stunden pro Woche, in denen er nicht in auf dem 18-Loch-Bolzplatz rumhängt, nicht doch noch etwas fleißiger den Rücken krumm schuften kann, damit die Wismarena endlich mal aus dem Luftschloss-Status herabsteigt. Dann gäbe es doch einen noch tolleren Ort für die Vereinsmeier und der Kunzer wäre über für den Pöbel. Kunst kommt nun mal eben nicht von Gönnen.   

Crazy Frog Gang

Einen schönen Welt-Internet-Tag euch allen. Es ist einfach toll, dass wir an diesem besonderen Tag auf dieses Nischenphänomen aufmerksam machen können. Wir tun das natürlich gerne im WWW, auch wenn es unsicher ist, dass es jemand mitbekommt. Einfacher und sicherer wäre natürlich wir gehen einmal aus dem Netz raus und rufen uns gegenseitig an, um mitzuteilen, dass Samstag 10:30 kopfgegrätscht wird. Zumal wir gerade noch die aktuelle AOL-CD suchen, um kopfgrätsche.de auf dem neuen Webspace erreichbar zu machen. Vielleicht hätten wir doch nicht so voreilig die StudiVZ-Gruppe auflösen sollen. Dort hieß dieses „cringe“ immerhin noch „gruscheln“. Die Spindel unbeschrifteter Datenträger hilft leider nicht weiter. Auf dem letzten war nur eine Testversion vom Moorhuhn. Die Vollversion kostet extra Geld, da muss man aufpassen. Am Ende steckt man in einem Jamba-Sparabo fest, in dem man alles machen kann – nur nicht sparen. Und die Lizenz für den Crazy Frog haben die wohl auch nicht mehr. Als SMS-Ton suche ich noch etwas, um das ultrawitzige Rülpsgeräusch abzulösen. Der Sound eines satten Gesichtstreffers der Crazy Gang würde mich überzeugen. Zur Not saug ich den bei Napster – sobald der Download aller Metallica-Alben komplett ist. Hoffentlich sind nicht solche Scherze dabei, dass sie ihre Alben noch einmal als Fakeversionen von Bibi McBenson haben aufnehmen lassen. Ich höre schon Lars Ulrich keifen: „Nehmen / Nehmen / Nehmen / Immer willst Du alles nehmen / Geben willst Du nichts / Und ich hab‘ nicht soviel!“ Warten auf den Bumerang beim World Wide Wait. Verdammt, jetzt haben wir uns schon wieder vom eigentlichen Ziel ablenken lassen. Das Surfen auf der Datenautobahn führt einen wirklich vom Papst auf den Eierkuchen. Hm, lecker.   

Gebt das Dampf frei!

Die neue Regierung musst noch zusammengeklöppelt werden, aber was den Leuten am Ende wirklich wichtig zu sein scheint, ist klar. Tempolimit und Cannabislegalisierung. Im Wahlkampf ging es zwar gefühlt fast nur um das Klima, aber aktuell sieht man welche Netzwerke wirklich in der Lage sind ihre Hashtags zu platzieren. Und da gewinnt man den Eindruck, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ihre Präferenz für eine Partei ausschließlich davon abhängig machen, ob diese ihnen das Rasen und Kiffen verbietet oder erlaubt. Kein Wunder, dass man in dem Zusammenhang mal vorfühlen kann, ob das mit der Pyrotechnik im Fußballstadion nicht gleich mitlegalisiert werden kann. Das passt doch eigentlich ganz gut in die Reihe. Die Bilder aus vom vollbesetzten Amsterdamer Stadion im Lichtermeer sind auch wirklich beeindruckend. Und dort ist das mit dem Kiffen schließlich auch kein Problem. In den Achtzigern guckte man noch mit leuchtenden Augen nach Italien und selbst deutsche Sportkommentatoren jubelten damals über die Bengalos der Tifosi. In den Neunzigern kamen die Fackeln über den Betzenberg nach Deutschland. Als die eigenen besoffenen Nachbarn damit im Block standen, war der Reiz des Exotischen dahin und der öffentliche Konsens: sowas wollen wir im Fußball nicht sehen. Spätestens als Johannes B. Kerner (das B. steht nicht für „Bengalo“!) eine Kinderpuppe anzündete, war klar: das ist unverantwortlich und ungesund. Und über die Klimabilanz einer solchen Fackel wollen wir erst gar nicht reden. Wahrscheinlich ist es nur logisch, dass mit der Rückkehr der Fans und Ultras ins Stadion auch diese Art der Lichtshow wiederkehrt. Auch wir könnten das ganz gut gebrauchen, um unter der Woche noch etwas auf dem Platz zu erkennen. So bleibt uns nur der sowieso ganz okay beleuchtete Samstag 10:30. Die UEFA hat zwar im Sommer die Stadien wieder voll gemacht als Geisterspiele noch Normalität waren, beim Gequalme hört der Spaß allerdings auf und es wird die üblichen Geldstrafen hageln. Aber wen verwundert das schon? Das sind bekanntlich alles unromantische Kokser.     

Doha is Dahoam

Katar, Katar, wir fahren nach Katar. Also ich nicht. Ich habe Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 noch etwas zu erledigen. Aber Olli Bierhoff muss schon mal ins Reisebüro und sich ein Neckermannschnäppchen mit Frühbucherrabatt wie damals in Watutinki sichern. Ist doch blöd, wenn du bei Booking checkst, dass in so einem 100-Stockwerke-Tower nur noch 20 Zimmer frei sind. Heute will doch jeder Kicker sein Einzelzimmer mit Balkon haben und den Staff musst du auch noch irgendwo unterbringen. Womöglich ist Gemeinschaftsbad auch ein NoGo und damit fallen die berühmten katarischen Hostels schon einmal weg. Dabei wären diese im Dezember 2022 auf jeden Fall frei. Der Großteil der bisherigen Gäste sollte bis dahin seine Pässe wiederbekommen haben und befindet sich zu dem Zeitpunkt auf dem Fußweg zurück nach Hause. Ihre Arbeit sollte bis dahin getan sein, sonst hätte die Mannschaft keine Stadien zum kicken. Für die obligatorischen Panikberichte über die unfertigen Spielstätten 2 Monate vor der WM hat die Bild trotzdem die Titelseite frei gehalten. Verbunden mit dem Angebot, dass Deutschland natürlich jederzeit einspringen kann, um selbstlos die Welt willkommen zu heißen. Warum soll sich das Gefühl für eine WM bei einem autoritären Regime nicht auch in Sachsen und Bayern einstellen können? Je nachdem wie der nächste Sommer wird, können wir eventuell sogar echte Wüste in der Magdeburger Börde bieten. Und die nötigen Instafotos mit Kamelen aus dem Dresdner Zoo kann man jederzeit in Olli Bierhoffs Fotoset an der Yenidze machen, das er jetzt schon plant, um die Sponsorenspots zu drehen. Hoffentlich kann man bei Neckermann noch ohne Gebühren stornieren. Im Leipziger Westin sind für Dezember 2022 noch knapp 400 Zimmer frei. 

Bin i König

Endlich ist auch der letzte Big Player an Bord. Lang genug hat es gedauert. Viele dachten schon: nanu, ist denen das Thema etwa nicht wichtig? Es gehört doch quasi zum guten Ton und in diese Zeit. Wie kann man da nur den Anschluss verpassen, wenn Geld keine Rolle spielen sollte. Da muss doch schon fast böser Wille oder wenigstens die pure Ignoranz am Start sein, wenn man sich dem verweigert. Aber jetzt scheint alles auf dem normalen Weg zu sein. Wer jetzt immer noch denkt, dass ich von der Frauenmannschaft des BVB rede, dem ist eventuell die Meldung durchgerutscht, dass die Saudis Newcastle United gekauft haben. In Newcastle selbst kam das jetzt wohl nicht so überraschend. Es war vor allem relativ einfach Mohammed Bin Salman-Masken zu kaufen, um damit gestern vor dem Stadion zu feiern. Der langweilige Zweikampf um die Champions League zwischen Abu Dhabi und Katar ist endlich zu einem spannenden Dreikampf geworden. Newcastle kann natürlich noch nicht sofort auf Augenhöhe sein. Aber es wird etwas schneller gehen, als mit dem knausrigen Vorbesitzer Mike Ashley. Jetzt wird investiert. Also wenn die Transferfenster endlich wieder öffnen. Die Bundesligisten stellen schon einmal ihre verbeulte Silberware in die selbigen. Denen kannste jetzt wirklich alles verkaufen, was ein paar Instafollower mitbringt. Das frische Geld muss unter die Leute solange die Tankstellen noch Öl kaufen. Und da besteht nun gerade in England doch offensichtlich weiterhin eine sehr hohe Nachfrage. Vollgetankte Rechtslenker sind in diesen Tagen auf der Insel eine Rarität. Vielleicht wird der erste Neuzugang bei Newcastle auch nicht Karim Benzema sondern ein gut ausgeschlafener LKW-Fahrer aus Neuburg. Das ist immerhin die deutsche Version von Newcastle. Darauf eine Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00), was die Saudis angeblich mit „Khashoggi“ übersetzen.

Unter die Barrikaden!

Bisher waren wir uns doch einigermaßen einig, dass es kaum etwas Unwürdigeres gibt, als sich bei einem Freistoß hinter die Mauer zu legen, um zu verhindern, dass ein flacher Freistoß ins Tor rutscht? Es hatte immer etwas von der Räuberleiter bei den Kickers. Ein Hack der besonders clever daher kommen wollte und der wahrscheinlich auf irgendeinem kleinen Sportplatz auf Island von Halbprofis erfunden wurde, die nebenher Mathematik studieren. Abends haben sie beim Brennevin theoretisch die Fläche berechnet, die sie damit dem Freistoß-Schützen entgegenstellen und am Spieltag konnten sie so erfolgreich das 1:6 verhindern. Der Sieger sah sich übertölpelt und die Mathe-Boys hatten den viralen Hit fürs Internet gelandet. Ob sie auch berechnet haben, was passiert, wenn man in einem Champions-League-Spiel den größten Fußballer der Welt, der in der Waagerechten aber immer noch die Ecke offen lassen muss, weil seine fußballerische Größe nicht mit seiner Körpergröße korreliert, hinter die Mauer legt? Auf jeden Fall bekommt das Rumgefläze auf der Wiese einen ganz anderen Status. Ein liegender Messi, der bereit ist, sich fürs Team den Arsch wegschießen zu lassen – das ist ikonographisch und wird leider dafür sorgen, dass diese Unart bis auf den letzten Bolzplatz Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 schwappt. Es ist zu erwarten, dass beim nächsten Freistoß sich mehr Freiwillige für den Liegejob finden als für die anstrengendere Aufgabe in der Mauer. Geschweige denn für das Verteidigen in der Mitte. Denn eins ist doch klar: in die Mauer stellt man nicht nur die besten Verteidiger. Und wer sich hinter die Mauer legen muss, hat oft mit Abstand den schlechtesten Defensivwert bei FIFA. Messis Gesichtsausdruck sagte in diesem Moment eindeutig: „Hey Moment, was mache ich eigentlich hier? Der Einzige, der gefährliche flache Freistöße schießen kann, bin doch ich!“ Er konterte das entstandene Bild trotzdem erfolgreich, indem er einfach sein erstes Tor für Paris erzielte und sich nicht den Arsch wegschießen ließ.     

Ballonseidenwahl

Die Entscheidungsfindung sollte so langsam abgeschlossen sein. Wenn man morgens aufsteht und seine feinste Ballonseide überstreift, um sich an den Ort, an dem man seine  Bürgerpflicht ausübt, zu begeben, sollte man schon die Optionen kennen, die einen dort erwarten. Und man sollte natürlich entscheidungsfähig sein. Wenn man sich erst vor Ort informiert, hält das nur unnötig den Betrieb auf. Die Anzahl der Möglichkeiten ist schließlich überschaubar. Mit der Erststimme entscheidet man sich, mit wem man zusammenspielen möchte. Dabei guckt man einfach: was kann der Andere, was ich nicht kann? Das ist ganz praktisch, weil man dann einen Stellvertreter für all die ungeliebten Aufgaben hat. Die Zweitstimme ist die für die Farben. Hier kann man sich traditionell für eine bunte Koalition aus allen Farben entscheiden oder man zieht halt ein Leibchen über. Besiegelt wird die Wahl spätestens, wenn man eine Ecke des Tores mit dem runden Abstimmungsgerät ankreuzt. Wenn alle gut erkennen können, dass innerhalb der Grenzen der Umrandung markiert wurde, kann man anfangen zu zählen. Dabei kann es schon vorkommen, dass man irgendwann mit dem genauen Zählen nicht mehr hinterherkommt und auf ungefähre Werte ausweicht, mit denen alle leben können. Bei größeren Ungerechtigkeiten tauscht man einfach ein paar Opportunisten mit dem Gegner, die sowieso für die eigene Statistik spielen. Wichtig ist, dann es am Ende ein einigermaßen knappes Ergebnis gibt, so dass jeder in der Elefantenrunde danach das leicht berauschte Ackergefühl von 2005 verspüren kann. Das braucht man einfach, um es auch Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 wieder zu versuchen.