Baby, it’s old outside

Der Aufreger beim diesjährigen Spotify Wrapped war geschickt gewählt. Einfach mal die Leute frech trollen und ihnen sagen, dass sie das Hörverhalten ihrer Großeltern haben. Beim Hörvermögen kann das natürlich stimmen, aber wir haben halt schon Musik über Kopfhörer gehört, bevor die Geräte die Lautstärke smart aber übergriffig in einen “gesunden“ Bereich gepegelt haben. Aber wer möchte in Zeiten von Longevity und Fitness-Apps, die einen ohne Not 20 Jahre jünger schätzen, schon hören, dass man sich eigentlich auch im Fernsehgarten ganz wohl fühlen könnte. Eine Unverschämtheit, der man nur begegnen kann, wenn man ab sofort wieder sogenannte Trends erkennt und bei denen mitmacht. Da ein kurzer Check in der Hörzu ergibt, dass MTV wohl in Zukunft dafür leider keine Quelle sein kann und man ja auch nicht bis zur nächsten Weltausstellung warten kann, muss man diese wohl demnächst online suchen. Dieses Social Media soll teilweise von Trends durchdrungen sein. Wenn man darauf achtet, welche Musik die aktuellen Fußballprofis hören, mit denen uns die Health-App in einen biologischen Topf wirft, kann das einer Verjüngung zuträglich sein. Falls man aber zu schnell kopfschüttelnd TikTok schließt, gilt es vielleicht doch zu akzeptieren, dass ein hohes Höreralter eventuell gar nicht so schlecht geschätzt ist. Das Kopfgrätsche-Alter ist auch an diesem Samstag 10:30 ziemlich egal. Jeder findet seine Position auf dem Mehrgenerationenplatz. Die Startzeit ist extra so gewählt, dass man sie schaffen kann, sowohl mit Restkater vom Feiern am Abend zuvor und auch wenn man vor dem Spielstart am Familienfrühstückstisch erwartet wird, wo man als Senior den Toast entrindet bekommt. Die Jungen dürften sogar ihre Boombox mitbringen, wenn ich mir wenigstens zwischendrin die neue heiße Scheibe von Chuck Berry wünschen darf.

Stay at the Kopf-Grä-Tsch-Ee (Samstag 10:30)

Dass es so episch werden würde, konnte ja niemand ahnen. Auch eine Woche nach der WM-Auslosung sind einige noch nicht aus diesem Fiebertraum aufgewacht. Gerüchten zufolge steht Rudi Völler noch immer in der Halle in Washington und klatscht einsam zur Musik der Village People. Bei ihm wurde natürlich ein dreißig Jahre altes Trauma freigelegt, als er bei Wetten dass…? vor der WM 1994 seine steifen Hüften zu „Far away in America“ kreisen lassen musste. Der Klinsi war damals so sehr dabei, da musste Rudi einfach nachziehen, um seinen Stammplatz im Sturm zu verteidigen. Aber vielleicht war er auch nur paralysiert von der unglaublichen Moderation Gianni Infantinos. Und Rudi hatte eine Vision von der nächsten WM-Auslosung, bei der Infantino sehr wahrscheinlich auf offener Bühne live ein paar Journalisten zersägen wird, um den Gastgebern ein gutes Gefühl zu geben. Den Peace-Pokal mit den abgesägten Händen kann er da noch einmal recyceln. Auch wenn Donald Trump das Konzept Wanderpokal natürlich komplett ablehnt. Spätestens jetzt vermissen wir Marcel Reich-Ranicki, der nach einer missglückten Fernsehpreisverleihungssendung 2008 rief: „Ich nehme diesen Preis nicht an! Ich gehöre nicht in diese Reihe. Ich finde es schlimm, dass ich das hier heute Abend erleben musste.“ Nun, nach dem letzten Freitag muss man ehrlicherweise sagen: so schlimm war der Fernsehpreis damals nicht. Am Ende musste Thomas Gottschalk, der damals noch nicht die Eklats bei Preisverleihungen selbst auslöste, die Kuh vom Eis ziehen und zwischen Fernsehdeutschland und dem Literaturkritiker vermitteln. Dafür gab es tatsächlich eine Extra-Sendung mit dem Titel: „Aus gegebenem Anlass – Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk.“ Village People waren nicht eingeladen. 

Shaq the Halls

Bei Redaktionsschluss lag das Ergebnis noch nicht vor. Aber da wir nicht im Vorfeld tagelang lesen mussten, welche möglichen Todesgruppen uns drohen, kann Deutschland wahrscheinlich superentspannt auf die WM-Auslosung heute Abend in Washington gucken. Wahrscheinlich wird viel interessanter sein wo man spielt als gegen wen. Kein Wunder, wenn die Qualigruppe durchaus schwerer war als die kommende Vorrunde. Aber das bedeutet nur, dass wir uns frühzeitig auf die Baum-Diskussion freuen können. Und das passt doch absolut in die Zeit. Aktuell konzentrieren wir uns natürlich darauf, dass so ein Baum schön gerade und symmetrisch ist. Beim Turnierbaum darf er aber ruhig so schief sein, dass man wie einst im Jahr 2002 mit minimalem Talent bis ins Finale rutschen kann, während sich die ganzen Favoriten in Abnutzungskämpfen gegenseitig aus dem Turnier kegeln. Aus saisonalem Interesse schauen wir an diesem Abend aber sicher auch wieder interessiert auf die Loskugeln. Welcher Stil ist in 2025 angesagt? Weil Donald Trump vor Ort sein wird, kann es eigentlich nur Gold sein. Am Ende wird er sie auch bestimmt mit den Resten vom Buffet mit ins weiße Haus schleppen. Ansonsten gibt es aber auch noch ein paar Sportstars wie Tom Brady, Wayne Gretzky und Shaquille O’Neal vor Ort. Diese drei Könige ihres Sports werden natürlich das Spielgerät Trionda ungläubig als Wunder betrachten, bevor sie es als neuen Heiland preisen. Und warum auch nicht? Versucht mal mit einem Football, Puck oder Basketball eine vernünftige Kopfgrätsche (Samstag 10:30) zu kreieren. Falls einer von ihnen noch Gold (darf auch ein Meisterschaftsring sein) als Geschenk dabei hat, Donald wäre interessiert. Aber bevor wir jetzt weiter im Bild bleiben wollen und krampfhaft überlegen welche Gemeinsamkeiten Heidi Klum und die Jungfrau Maria haben, beginnt das Bild schiefer zu werden als jeder Turnierbaum.