ApplePay, AliPay, Mbappé

Okay, es sind jetzt 25 Jahre seit „Ricken lupfen jetzt!“, aber damals war Kylian Mbappé noch nicht einmal geboren. Seit dem hat sich einiges getan. Lars Ricken musste erst seine Karriere beenden, in der er immerhin auch Vizeweltmeister und Champions-League-Sieger geworden ist, um in seinem Verein mitzubestimmen. Auch Mbappé bleibt nun doch dem Verein seiner Geburtsstadt treu, statt zu einem großen Namen ins Ausland zu wechseln. Jetzt könnte man darauf mit fußballromantischen Gefühlen glotzen, aber nein, alle sind nur am Meckern. Vielleicht liegt es daran, dass Lars mit 45 nur das Nachwuchsleistungszentrum leitet, während Kylian mit 23 gefühlt zum spielenden Aufsichtsratsvorsitzenden aufsteigt. Die Machtfülle als Goodie im Vertrag ist schon ungewöhnlich, aber wahrscheinlich die Zukunft. Man wird bei den wichtigen Entscheidungen demnächst öfter hören: Kylian begrüßt, zweifelt an, lehnt ab. Neymar-Verkauf zu Kopfgrätsche (Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00)? Ok. Neues Maskottchen? Vielleicht. Doppelter Nachtisch? Auf keinen Fall! Lars schimpfte vor 25 Jahren in einem Nike-Werbespot auf die Geschäftemacher in Nadelstreifen. An die in kurzen Hosen, wie das aktuelle Nike-Zugpferd Mbappé, dachte er damals wohl nicht.

One more „da ist das Ding“

Bei Kopfgrätsche denkt man ja, sie haben das DIA-Turnier gewonnen, dabei haben sie nur den Samstag überlebt. So ungefähr schaut Uli Hoeneß auf unser Tun Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00. Und irgendwo hat er ja auch recht. Aber wer weiß denn schon, ob man jemals wieder ein DIA-Turnier gewinnt? Man könnte natürlich all sein Eskalationspotenzial für diesen Moment aufheben, damit man tatsächlich noch Steigerungsoptionen hat, falls man in solch triumphale Situationen kommt. Hätte Uli Hoeneß vor neun Jahren jemand gesagt, dass die Bayern 10 mal in Folge Meister werden, hätte er seine Endorphine nicht alle schon nach der ersten oder zweiten verpulvert. Es beschleicht einen aber das ungute Gefühl, dass die Bayern aktuell noch mit angezogener Handbremse jubeln, damit sie adäquat eskalieren können, wenn Meisterschaft Nummer 20 erreicht ist. Oder welche Zahl auch immer es rechtfertigt, ein wenig Freude zuzulassen. Aber da spricht wahrscheinlich der alte Zocker aus ihm, der nicht einfach aussteigen kann, wenn irgendetwas gewonnen wurde. Aber wären wir anders? Nach jedem Tor denken wir doch, dass uns noch ein zweites gelingt. Und wer zwei hat, will auch drei. Und wenn man dann am Samstag alles verzockt hat, steht man Mittwoch wieder auf dem Platz, in der Hoffnung, dass die Aussicht auf das nächste Tor, den nächsten Sieg, den nächsten DIA-Turniergewinn, die Nationalmannschaftskarriere und den WM-Titel (Verteidigung optional) zum Greifen nah ist.  

Fackeln im Platzsturm

Wie kultig ist die Fanszene deines Clubs? Hattet ihr letzte Woche einen Platzsturm? Nein? Dann eindeutig nicht kultig genug. Da gab es also Anlass zum Jubel im eigenen Stadion und die Anhänger haben sich auf der Tribüne nur normal gefreut? Vielleicht ein paar Sprechchöre und Gesänge, maximal eine Fünfzigmann-Polonaise durch den Block. Dazu etwas Konfetti und Bierduschen. Aber das wars auch schon. Fast alle haben ihre Hosen anbehalten und bei der Humpa waren nur die Capos auf dem Zaun. Also bitte, dann kann man es ja gleich lassen. Womöglich war am Ende noch die Grasnarbe intakt. Das klingt nach schlimmsten Plastikclubsvibes in Kombination mit verachtenswertem Eventfantum im Langnese-Familienblock. Wer nicht mindestens ein bis zwei Lagerhallen an schweren Bengalos einsetzt, bei denen Toni Hofreiter feuchte Augen bekommt, hat das Spiel nie geliebt. Und dabei muss natürlich mindestens die Querlatte oder der Elfmeterpunkt abgestaubt werden. Fortgeschrittene nehmen natürlich sogar das rollbare Sponsorenboard mit in die Straßenbahn.

Auf jeden Fall ist es nur peinlich, wenn am Saisonende noch irgendein Halm im Stadion verbleibt. Insofern können wir uns nichts vorwerfen lassen. Unsere Platzstürme Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 haben ihre Spuren hinterlassen. Die Krater im Platz sind größer als bei Schalke, Frankfurt und Köln zusammen. Und während man bei den Herren Profis einen ganzen Sommer braucht um wieder Spielfähigkeit herzustellen, pöhlen wir einfach routiniert um die Löcher herum.     

Falsche Neun

So, was machen wir jetzt mit dem 9-Euro-Ticket? Es wurde uns quasi geschenkt (warum auch immer haben wir schon vergessen) und jetzt müssen wir das Budget auch großzügig sinnlos abfahren. Twitter hat sich natürlich schon zum kollektiven Wochenendausflug nach Sylt verabredet, um dort die Konjunktur in der Sansibar anzukurbeln. Hoffentlich haben die auch wirklich Aperol Spritz in Eimern und Scampies Rot-Weiß auf der Karte. Der Fußballadel freut sich schon darauf jeden Tag die orange-rosa Kotze aus dem Bayernlogo in der Auffahrt zu kärchern. Der ortsansässige Stammesfürst Kalle Rummenigge hat als Verteidiger der indigenen Bevölkerung das Grundgesetz hoffentlich nicht allzu weit weggelegt und kann die besten Sprüche noch einmal laut auf dem Hindenburgdamm zitieren, bevor versucht wird, den Eingeborenen das Helly-Hansen-Steppjackenfell über die Ohren zu ziehen. Von einem Recht auf 9-Euro-Trips steht nicht einmal was im BGB. Ich hab an den Wochenenden meist auch keine Zeit für solch einen Quatsch. Zwischen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 habe ich meistens schon was Besseres vor. Irgendwie denkt bei der ganzen Geschichte auch niemand an die einzigen Menschen, die wirklich normalerweise quer durch die Republik mit den Regionalbahnen an jedem Wochenende tuckern. Und nein, ich meine nicht die Bundeswehrsoldaten, sondern die Auswärtsfans, die ab Juni keinerlei Grund mehr für eine schöne Ochsentour von Rostock nach Sandhausen haben. Ihre Idole liegen schließlich dann schon längst in Mallorca am Strand und wundern sich warum es dort so leer ist. Es ist zwar etwas teurer (als 9 Euro), dafür ist man unter sich. Und ich weiß jeder Zweite ist genauso blöd wie ich. Ändlisch nohmale Leute.