Einmal alt fühlen gewünscht? Aus 30 Years of Hurt werden demnächst 60. D.h. die Engländer, die seit 1966 auf einen Titel warten, warten noch einmal 2 Jahre und dann sind tatsächlich 30 Jahre rum, seitdem Three Lions zur Fußballhymne wurde. 1996 hatten die englischen Fans schon das Gefühl, dass 30 Jahre Schmerz schon eine ganz schöne Zumutung sind. Was sind dann 60 Jahre? Nun ja, vielleicht sind die auch noch zu ertragen, wenn man dafür in 4 Jahren bei der Heim-EM in Großbritannien und Irland endlich den Zähler auf Null stellt. Immerhin sind sie in Wembley nicht der Versuchung erlegen und haben bei Kleinanzeigen diese große Uhr erstanden, die ein Anbieter in Hamburg loswerden wollte. Zuletzt stand dort so etwas wie Samstag 10:30, Mittwoch 18:00 drauf. Keiner weiß warum. Der Inselbewohner drückt sich dann doch lieber über das Singen aus. Dafür wird er überall geschätzt und weltweit bewundert. Das unterscheidet ihn ein wenig vom Argentinier, der nach dem Endspielwochenende über eine weitere Copa-Trophäe in der schon sehr vollen Pokal-Vitrine verfügt. Aber musikalisch war es grenzwertig bis unmöglich. Das macht die deutschen Gesänge von 2014 (So geh’n die Gauchos) zwar nicht besser, aber vielleicht muss man noch einmal überlegen, ob es so schlau ist in einer Zeit, in der alles sofort live gestreamt und simultanübersetzt ist, Lieder zu singen, die Menschen abwerten, die nicht beim eigenen Kontinentalturnier mitgespielt haben, die man aber spätestens nach dem Urlaub im Verein wiedertrifft. Die schriftliche Entschuldigung in Comic Sans zu veröffentlichen, macht das ganze nicht besser. Das war allerdings nur die Spitze des Eisberges, denn es gab im Überschwang von Siegen diverse nationalistische und geopolitische Entgleisungen in diesem Sommer. Da sind Fußballprofis auch nur wie ganz normale Sylt-Touristen. Nicht sehr kreativ, aber wenn es da irgendwo ein Meme gibt, das man live mit dem iPhone 15 Pro nachgrölen kann, ist man erst einmal dabei. In der Flut der geforderten und abgegebenen Entschuldigungen ist die Aufregung ja meist 2 Wochen später vorbei. Was die Engländer nach ihrem nächsten Titelgewinn veranstalten, wissen wir nicht. Aber sie hatten immerhin mindestens 60 Jahre Zeit sich eine vernünftige Entschuldigung zu überlegen und eine anständige Schriftart auszuwählen.
Schlagwort-Archive: Sylt
Falsche Neun
So, was machen wir jetzt mit dem 9-Euro-Ticket? Es wurde uns quasi geschenkt (warum auch immer haben wir schon vergessen) und jetzt müssen wir das Budget auch großzügig sinnlos abfahren. Twitter hat sich natürlich schon zum kollektiven Wochenendausflug nach Sylt verabredet, um dort die Konjunktur in der Sansibar anzukurbeln. Hoffentlich haben die auch wirklich Aperol Spritz in Eimern und Scampies Rot-Weiß auf der Karte. Der Fußballadel freut sich schon darauf jeden Tag die orange-rosa Kotze aus dem Bayernlogo in der Auffahrt zu kärchern. Der ortsansässige Stammesfürst Kalle Rummenigge hat als Verteidiger der indigenen Bevölkerung das Grundgesetz hoffentlich nicht allzu weit weggelegt und kann die besten Sprüche noch einmal laut auf dem Hindenburgdamm zitieren, bevor versucht wird, den Eingeborenen das Helly-Hansen-Steppjackenfell über die Ohren zu ziehen. Von einem Recht auf 9-Euro-Trips steht nicht einmal was im BGB. Ich hab an den Wochenenden meist auch keine Zeit für solch einen Quatsch. Zwischen Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00 habe ich meistens schon was Besseres vor. Irgendwie denkt bei der ganzen Geschichte auch niemand an die einzigen Menschen, die wirklich normalerweise quer durch die Republik mit den Regionalbahnen an jedem Wochenende tuckern. Und nein, ich meine nicht die Bundeswehrsoldaten, sondern die Auswärtsfans, die ab Juni keinerlei Grund mehr für eine schöne Ochsentour von Rostock nach Sandhausen haben. Ihre Idole liegen schließlich dann schon längst in Mallorca am Strand und wundern sich warum es dort so leer ist. Es ist zwar etwas teurer (als 9 Euro), dafür ist man unter sich. Und ich weiß jeder Zweite ist genauso blöd wie ich. Ändlisch nohmale Leute.