Das große Grasfressen

Wie es ist, wenn man vor einem Publikum gewinnt, werden wir wohl nie erfahren. Auch diesen Samstag 10:30 wahrscheinlich nicht. Aber dafür wissen wir auch nicht, wie es ist vor Publikum zu verlieren. Dass ein halbes Stadion oder eine Fankurve enttäuscht pfeift oder vereinzelt unsachliche ehrabschneidende Versatzstücke in Richtung Rasen blafft, ist ja Standard. Das ist zwar nicht schön, aber meist schnell vorbei, da der durchschnittliche Fan gerne einer weiteren Enttäuschung entgehen möchte und lieber zeitnah sein Kfz aufsucht, als noch einmal die eben erlebte Schmach in einer Art Retro mit den Spielern durchzuarbeiten. Wenn man es schon versäumt in der Tabelle zu klettern, hat man so doch wenigstens die Chance in der Schlange vor dem McDrive eine gute Ausgangslage zu erreichen. Und das hat man wenigstens komplett selbst in der Hand, ohne darauf zu hoffen, dass junge talentierte Männer die eigenen Träume erfüllen. Zumal die das einfach nicht kapieren wollen. Die spielen da als Ich-AGs mit egoistischem Karriereplan vor sich hin, gucken niemals in die ewige Tabelle oder benutzen gar den Tabellenrechner, um zu erkennen was für eine historische Chance sie wieder einfach so verdaddelt haben. Das können denen mal schön die Ultras erzählen. Die haben eh nichts Besseres vor, basteln die halbe Woche Choreos ohne Rechtschreibprüfung und mischen Rauchtöpfe in den Vereinsfarben zusammen. Da kann sich ruhig mal einer von denen (der Betrunkenste?) auf den Rasen stellen und die Spieler in einfachsten kurzen Hauptsätzen wie Schuljungen in den Senkel stellen. Der Trainer spart sich wahrscheinlich in der Videoanalyse wieder die wichtigsten Botschaften, wie: dass man endlich auch mal Gras fressen und es unbedingt wollen muss. Trotz des Vortrages in leichter Sprache verstehen das leider nicht alle Spieler. Vor allen, wenn die Muttersprache dann doch nicht teutonisch lallend mit drolligem Regionalakzent ist. Aber in diesem Idiom beim McDrive zu bestellen, ist auch nicht unbedingt einfacher. Ich freue mich jedenfalls auf unser morgiges babylonisches Kauderwelsch auf dem Platz unter uns Spielern. Das lässt auch den Raum für Missverständnisse, aber immerhin hat das keinen Effekt auf die ewige Tabelle.  

Eintrag ins Muttiheft

So, letzte Warnung. Noch ein Hassplakat und das Wort Hurensohn wird zum Weltkulturerbe. Und was das für die Deutschrapszene bedeutet, kann sich wohl jeder denken. Da müssten ganze Lebensläufe von Mitmusiker-Müttern neu geschrieben werden. Geschrieben wurde in der letzten Woche eine ganze Menge. Teilweise gab es so viel auf den Tribünen zu lesen, da reichten 90 Minuten kaum aus. In der ganzen Textwüste, dann die Beleidigung zu finden, hat so manchen Schiedsrichter überfordert. Also lieber mal kurz das Spiel unterbrechen und erst einmal in Ruhe schmökern. Sicher nur ein Zufall, dass der DFB seine Schiedsrichterteams gerade um Germanistikstudenten und Poetry-Slammer erweitern möchte. Da muss man ja doch dankbar sein, wenn das eine oder andere Bild im Block dabei ist und die Ultras noch einen Rahmen drumherum malen. Noch schöner wäre es natürlich, wenn die Motive gestickt wären. Im Fadenkreuz-Stich lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen. Das Literarische Quartett am Sonntag Morgen aus dem Hotel Hilton am Münchner Flughafen lieferte dann auch erwartungsgemäß schlimme Fehlinterpretationen des Buchstabensalats. Selbst der Weinkönig vom DFB war überfordert von so viel analogem Getwitter auf Bettlaken. Kein Wunder, tagelang waren Farbeimer und Lakierermasken in sämtlichen Baumärkten rund um Bundesligastadien und in Meppen ausverkauft. Das hat die deutsche Bevölkerung extrem verunsichert. Der Beef zwischen Schickhardt und Schickaria hat aber immerhin bisher nicht zu einer peinlichen RTL-Gameshow geführt. Sportschau, Sportstudio und Sport in Baden-Württemberg waren dann doch vom Niveau her nicht zu unterbieten. Das überschaubare Niveau beim Kopfgrätschen Samstag 10:30 möchten wir an dieser Stelle mit einem Disclaimer versehen. Die Qualität würde wahrscheinlich diverse Hassplakate rechtfertigen, ist aber absolut unverdächtig auch nur im Entferntesten mit modernem Fußball zu tun zu haben. Und wir versprechen immerhin, über die Berufe eurer Eltern hinwegzusehen.