Nord-Nord-Nord-Deutschland

„Das alte Stadion am Stadtrand vergessen 
Das Kapital hat ein Stück Tradition gefressen
Leidenschaft kennt keine Liga
Der harte Kern kommt immer wieder
Die Ränge zerfallen, alles marode
Doch dieses Gefühl kommt nie aus der Mode

Im Finale der englischen Wochen
Hat es ihnen die Herzen gebrochen 
Im Zugabteil nur stumme Begleiter 
Doch das Leben geht weiter“

Erik Cohen (früher bekannt als Jack Letten bei der Hardcore-Band Smoke Blow) veröffentlichte den Song Englische Wochen als Reaktion auf das Scheitern von Holstein Kiel (an 1860 München) in der Relegation zur 2. Liga 2015. Super Timing, denn ein paar Wochen nach dem Release 2018 stand die nächste Relegation für Holstein an. Diesmal um den Aufstieg zur 1. Liga. Wiederum war der klassenhöhere Gegner (VfL Wolfsburg) zu stark für die Störche. Im bewährten Dreijahresrhythmus muss der letzte Mohikaner aus dem Handballbundesland in einer weiteren Relegation bestehen, damit nicht am Ende Hertha BSC die unerfüllbare Rolle als Nordclub in der ersten Bundesliga zufällt. Nicht nur deswegen hoffen viele, dass es diesmal gegen Köln klappt. Auf jeden Fall sind die vielen englischen Wochen von Holstein so inspirierend, so dass es auch uns nach Samstag 10:30 auch Mittwoch 18:00 wieder auf den Platz zieht. Zum Auftakt unserer eigenen englischen Wochen.

Passe dich kurz!

So, was machen wir nun als erstes? Wochenlang hatte man Zeit für die Fomo-Bucketlist und nun steht man natürlich unvorbereitet da. Also vielleicht lässt man erst einmal die Dinge sein, die man auch machen konnte als nix ging. Marco Reus will sich trotzdem angeblich erst mal ausruhen. Ob er das im Biergarten, im Kino oder beim Au-Pair-Urlaub auf Sylt macht, ist noch offen. Nur ins Fußballstadion will er nicht. Bei dem Run auf die begrenzten Plätze ist das mehr als verständlich. Die Verknappung freut den Schwarzmarkt und die Leute aus der Schlange vorm Impfzentrum trifft man morgen in der Schlange vor dem Mokka-Milch-Eis- oder Broiler-Bar wieder. Nur, dass dort dann die Stimmung nicht mehr ganz so gut ist. Kau schneller Genosse! Fasse dich kurz! Auch von den 26 Nominierten für die Euro2020 können am Ende nur 11 zeitgleich spielen. Deshalb sitzen immer 15 draußen und trampeln 90 Minuten mit den Füßen. In der Zeit kann der Gastronom den Tisch dreimal vergeben, wenn er die Karte konsequent auf Kölsch und Espresso umstellt. Beim Kopfgrätschen am Samstag ist Sharing am Ende auch Caring. Schließlich soll jeder mal die Chance auf das Spielgerät haben. Maximal fünf Ballberührungen pro Spieler, dann kurze Espressopause oder ein Ingwershot auf die Torwand. Besser jeder bringt neben dem eigenen Ball auch noch die eigene Kaffeemaschine mit.

The Expendaballs

Jetzt kommt es auf die Alten an. Endlich muss man fast sagen. Bevor die Alten immer jünger werden, können sie mit ihrer erfahrenen Köpfen und durchgeimpften Körpern noch mal den Karren aus dem Dreck ziehen. In diesen haben sich die Jungen 30 Spieltage lang akribisch mit ihren „Innovation“ reingegraben. Aber kurz vor Schluss müssen die Experimente ein Ende haben. Da fährt man besser mit bewährten Krisenmanagern. Friedhelm Funkel und Horst Hrubesch sind die Expandables und sie werden beweisen, dass es die Alten es nach wie vor drauf haben. Die Schrebergärten und Boule-Bahnen im Park sind aber immer noch voll mit gelangweilten Senioren, die aktuell keine Kaffeefahrten und Bingo-Megaevents wahrnehmen können. Jeder Club hat doch seinen verdienten Opa im Schrank, der jederzeit heiß darauf ist die Angelrute in die Ecke zu pfeffern, um den Jungen noch mal so richtig bescheid zu geben. Noch ist etwas Restsaison übrig. Und danach kann man immer noch aufs Kreuzfahrtschiff humpeln. Nur ein kurzer Anruf auf dem Festnetztelefon und Aleksandar Ristic, Thomas Schaaf, Otto Rehhagel, Hans Meyer und Huub Stevens holen das Kopfballpendel und die Medizinbälle aus der Doppelgarage. Nur die Nummer von Jupp Heynckes kann man inzwischen nur noch aufwändig übers Zeugenschutzprogramm in Erfahrung bringen.