Rilke d’Or Wrapped 

Angeblich hat der Herbst auch seine schönen Tage. Ob Samstag 10:30 einer davon angeboten wird, müssen wir uns morgen einmal kritisch angucken. Ansonsten ist es mit den Dingen, die man an diesen Tagen tut, etwas speziell. Die Musik, die man jetzt hört, wird oft nicht mehr groß etwas für das Spotify Wrapped verändern. Schließlich wird aus dem Geschmacksprofil schon demnächst ein launiges Clipgeballer erstellt, was scheinbar eine Menge Ragebait enthält. Der Eindruck entsteht, weil man oft schon längst vergessen hat, was man im Frühjahr oder während der WM gemacht hat. Oder wer in der Zeit irgendwelche Pokale gewonnen hat. Daran müssen sich aber noch die Jurymitglieder erinnern, die Montag den Ballon d’Or vergeben. Aber auch die haben ihr Urteil längst getroffen und können leider nicht mehr berücksichtigen, wenn ihr wie Harry Kane alle Positionen auf einmal auf dem Feld bekleidet. Diese Auszeichnung ist generell ungünstig für Leute, die besonders herausragend im Spätherbst sind. Rilke-Kenner Oliver Kahn kann diesen Unglücklichen nur mit auf den Weg geben: Wer jetzt kein Stadion hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt ohne Ballon d’Or ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Reels createn und wird in Strafräumen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Das klingt doch auch nach einer ganz eigenen Schönheit, die einen vielleicht sogar an einem Samstagvormittag vor die Tür locken kann. Auf dem Weg dahin kann man sich ruhig anhören, ob Fontaines D.C. und ROSALÍA mit Where is gone? wirklich einen Herbstsong gemacht haben, der eigentlich auf ein Lana del Rey Album gehört. „I remember when they held me up against the summertime.“ Spotify wird sich beim Wrapped nicht daran erinnern.

Gnadenbrot or nothing

Fachkräftemangel bedeutet auch: die Alten müssen ran! Auf Transfermarkt.de sinkt der Marktwert automatisch, wenn man die Grenze zum Greisenalter also 30 überschreitet. Aber in den Vereinen hat man längst gemerkt, dass man besser fährt, wenn man sich einen hungrigen Bestager holt, wenn man ernsthaft etwas gewinnen möchte. Klar bei den jungen Talenten gibt es viel Beweglichkeit in der Hüfte und deshalb noch einen Haufen TikTok-Follower mit dazu. Da gibt man schon mal gern ein paar Millionen mehr für aus. Leider bleiben diese Follower nicht beim Club, wenn der Spieler den nächsten Schritt machen will. Also lieber einen 30-Jährigen mit verwaistem Facebook-Profil, der verlässlich Leistung bringt und darüber nachdenkt auf einen Volvo-Kombi umzusteigen. Der findet meist selbstständig den Weg zum Trainingsplatz (bei Kopfgrätsche aktuell immer noch im Friedenshof Samstag 10:30 und Mittwoch 18:00) und ist auch ansonsten pflegeleicht. Im nächsten Transferfenster wird lediglich spekuliert, ob er nicht doch lieber noch ein paar Spiele in Saudi-Arabien machen möchte, bevor er die müden Knochen in ein TV-Studio schleppt, um dort sein Gnadenbrot als Experte zu knuspern. Sowohl Bayern als auch Dortmund haben mit Kane und Füllkrug für eben dieses Profil in diesem Sommer gerne Geld überwiesen. Beide haben einige Torjägerkanonen rumstehen, die aber bisher keine Mannschafts-Titel eingebracht haben. Ihre langjährige Treue zu Clubs, die nur selten etwas in die Vitrine stellen können, lässt ihnen dafür die Zeit davon rennen. Im letzten Karriereschritt muss es nun doch endlich mal klappen mit einem Titel. Mit Harry Kane muss man sich geradezu freuen, wenn er im nächsten Mai endlich mal eine Trophäe hochhalten darf. Von den letzten 11 Schalen der Bayern hat er schließlich nichts gehabt. Auch Hansi Flick hat gemerkt, dass er das alte frische Blut von Pascal Groß braucht, um die Heim-EM 2024 noch zu retten. Den kennt bei Amazon zwar niemand, aber nur mit ihm lässt sich wenigstens eine weitere peinliche All-or-nothing-Doku verhindern.