Auch wir hatten die Ansage aus dem Gesundheitsministerium heute morgen im Fax und haben sie in entspannter Panik gründlich überflogen. Was blieb hängen? Bei über 1000 Teilnehmern und unter drei drohen Geisterspiele. Das sind Spiele, wo man glaubt die Eltern der Spieler reinrufen zu hören. Aber die sind gar nicht da, weil die draußen die Sky Konferenz beim Public Viewing verfolgen. Wir werden trotzdem versuchen Samstag 10:30 ganz ruhig durch die Jogginghose zu atmen. Diese könnt ihr quasi nach dem Home Office gleich anbehalten. Aber dennoch könnt ihr ruhig mal vor die Tür gehen. Oder wollt ihr ewig Bundesliga Classics auf DSF schauen? Dort kann man natürlich in 4:3 bewundern, wie das Krafttier aller Jogginghosenträger durch matschige Strafräume hechtet. Die Wiederholung des 6:1 von Hertha gegen den HSV darf man eigentlich nicht verpassen:
»Zurück zum Außergewöhnlichen. Irgendwann zwischen dem 4:1 und 5:1 fängt Herthas Torwart Gabor Kiraly den Ball. Es ist einer der vielen harmlos vorgetragenen Angriffe des Hamburger SV an diesem warmen Sonnabend Nachmittag vor 76 000 Menschen im ausverkauften Olympiastadion zu Berlin. Die härtesten Hertha-Fans in der Kurve hinter Kiralys Tor feiern seit einer Stunde. Da überlegt der Torwart plötzlich drei, vier Sekunden lang. In der einen Hand hält er den Fußball, die andere zeigt gegen die Querlatte seines Gehäuses. Kiraly will fragen: Leute, soll ich jetzt das Ding mal machen?
Das Ding ist nämlich das: Herthas Torwart möchte zu gern einmal einen Abschlag unter Zurhilfenahme der eigenen Torlatte zeigen. In einem richtigen Spiel, wenn es um Punkte und Tore geht und viele Menschen zusehen. Kiraly hat es immer mal wieder im Training geübt. Er wirft dann den Ball aus fünf, sechs Metern Entfernung so gegen die Latte, daß der Ball möglichst weit von da ab ins Spielfeld prallt. Man muß kein Fußballer sein, nicht mal Torwart, um zu erkennen, worin der Knackpunkt dieser Übung liegt. Trifft er sie nicht, könnte der Ball vielleicht auch übers Tor gehen, bestenfalls. Das Runde könnte aber auch – schlechterdings – ins Eckige fliegen. Meistens soll es geklappt haben, manchmal nicht.
Also, Herthas Torhüter deutet sein Vorhaben an. Und wer ihn einigermaßen kennt, weiß, daß er in diesem Augenblick nah dran ist, ganz nah sogar. Die Masse im Olympiastadion tobt, aber am Spielfeldrand auch Jürgen Röber, Kiralys Chef. Der Ungar wird sich im Folgenden für die konventionelle Art des Abschlagens beziehungsweise Abwerfens entscheiden. Alles nimmt seinen gewohnten Lauf.« (Der Tagespiegel, 30.05.1999)
Ob der HSV danach wie gewohnt zum Grillen einlud, ist nicht überliefert. Aber tobende Massen würden sich natürlich alle in diesen Tagen wünschen. Stattdessen muss man sich aber schon über ein paar tobende Mitspieler freuen. Solange Gianni Infantino oder die WHO nicht persönlich jeden Bolzplatz absperren, steht dem nichts im Wege. Höchstens Jürgen Röber.